Philosophicum Lech: Von Philosophie, Literatur und kastrierten Präsidenten

Kultur / 24.09.2021 • 21:45 Uhr
Philosophicum Lech: Von Philosophie, Literatur und kastrierten Präsidenten
Literaturwissenschaftler Thomas Strässle ist dem faketionalen Erzählen auf der Spur. Philosophicum/Kuzmanovic

Beim Philosophicum in Lech wird über Fake und Fiktion aufgeklärt, oder man tut so “als ob”.

Lech “Marbot. Eine Biographie” steht auf dem Titel. Erzählt wird von einem englischen Adeligen aus dem 19. Jahrhundert, der Goethe in Weimar aufsuchte, aber auch Maler wie Turner kannte. Er sei zu Unrecht vergessen worden, schreibt Wolfgang Hildesheimer. Das Interessante daran: Marbot hat es nie gegeben, obgleich es die Buchtitelgestaltung des Suhrkamp-Verlages suggeriert. Dass man darauf reinfällt, ist nicht unbedingt anzunehmen, Teilnehmer am Philosophicum Lech wurden jedenfalls vorsorglich von Literaturwissenschaftler Thomas Strässle gewarnt. Wer sich heute, vielleicht auch gezwungenermaßen, nicht nur mit Fiktion, sondern auch mit dem Fake zu beschäftigen hat, ein Begriff, der sich auch aus dem deutschen Wort fegen ableiten lässt (das sprachgeschichtlich auf schärfen oder gar wischen zurückzuführen ist), dem steht viel Arbeit bevor. In einem Browserspiel, das Strässle in seinem Vortrag beim Philosophicum Lech zum Thema “Kraft der Fiktion” erwähnte, sollten Schüler Fakten und Fakes erkennen. Eine zu identifizierende Meldung lautete, dass sich ein Pferd mit Namen Präsident Trump als nicht mehr renntauglich sowie störrisch erwies und deshalb nicht nur kastriert, sondern auch auf Fake News umbenannt werden musste. Die Lacher sind garantiert, aber ist das richtig oder falsch? Im Gegensatz zur Meldung, dass Jugendliche in einer Umfrage G7 für ein Smartphone hielten, stammt die Pferdemeldung aus dem Rennsportumfeld, wo man wenig Spaß versteht.

Philosophicum Lech: Zum 24. Mal auch ein Diskussionsforum.<span class="copyright"> Philosophicum/Kuzmanovic</span>
Philosophicum Lech: Zum 24. Mal auch ein Diskussionsforum. Philosophicum/Kuzmanovic

Dass Wissenschaftler mittlerweile nicht nur zwischen fiktionalen und faktualen Erzählungen (Letztere referieren zumindest auf eine Wirklichkeit) zu unterscheiden haben, sondern, dass auch das Faketionale eine narratologische Kategorie ist, braucht den Literaturfreund im Vergleich zum Experten nicht zu beunruhigen. Klar ist, dass der Fake im Vergleich zur Fiktion einen Echoraum braucht, sonst bringt der ganze Aufwand ja nichts.

„Ich bin ein Gegner von Autobiografien, da steckt immer eine Agenda dahinter.“

Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler

Konrad Paul Liessmann, der auf Nietzsche verweist, der festhielt, dass sich die Einbildungen des Menschen im und am Leben zu bewähren haben, spielt den Ball zurück: Ob wir es zulassen, dass aus der Kraft der Fiktion, “dieser Eigenschaft des Menschen, der Realität seine Vorstellungen entgegenzusetzen”, ein  ohnmächtiges Gestammel wird, das der Freiheit und Fantasie Gewalt antut, das liegt an uns. Daniela Strigl hat unter anderem Biografien über die Schriftstellerinnen Marlen Haushofer und Marie von Ebner-Eschenbach verfasst und bezeichnet dieses Schreiben bei aller Recherchearbeit selbst als Konstruieren einer Lebensgeschichte.

„Wenn schon, dann lass ich mich lieber von Elias Canetti belügen als von einem Politiker.“

Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin

Verantwortung könne auch heißen, das biografische Objekt vor sich selbst in Schutz zu nehmen, meinte die Literaturwissenschaftlerin. Konkret dazu befragt, verriet sie, dass Personen interveniert hätten, weil sie das Bild des Ehemannes von Haushofer geschönt haben wollten. Strässle fügte in diesem Zusammenhang an, dass etwa Max Frisch im Hinblick auf eine zu erscheinende Biografie genau darauf achtete, welche Schriftstücke er vernichten sollte. Elias Canetti habe wohl auch geschönt, von ihm ließe sich Strigl dann aber doch lieber belügen als von Politikern, die Autobiografien herausgeben lassen.

Daniela Strigl befasste sich mit der Fiktion in Biografien. <span class="copyright">Philosophicum/Kuzmanovic</span>
Daniela Strigl befasste sich mit der Fiktion in Biografien. Philosophicum/Kuzmanovic

Im Anschluss an das Philosophicum Lech treten Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann mit ihrem “Hamlet”-Projekt (über das berichtet wurde) am 26. September, 19 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz auf.