Im Dienst für andere

Kultur / 24.09.2021 • 17:37 Uhr
Ein Engel in der Hölle von ­AuschwitzHarald Walser, Falter Verlag,256 Seiten

Ein Engel in der Hölle von ­Auschwitz

Harald Walser, Falter Verlag,

256 Seiten

Ein literarisches Denkmal für Maria Stromberger von Harald Walser.

Sachbuch Wie kommt ein Engel in die Hölle? In der Bibel nur als gefallener. Die Krankenschwester Maria Stromberger (1898-1957) begab sich freiwillig und aufrecht in die von Menschen errichtete Hölle des Vernichtungslagers Auschwitz, um dort wenigstens einige Menschen vor dem Massenmord zu retten. Der Historiker Harald Walser hat in einer eindrücklichen Biografie das Leben dieser ungewöhnlichen Frau nachgezeichnet. Ein Leben, das bis zur Erschöpfung im Dienst für andere stand. Eingeleitet wird die Arbeit mit einem familiären Panorama, das Strombergers Herkunft aus dem ländlichen Kärnten vor dem Ersten Weltkrieg zeigt und zugleich spätere Handlungsmotive als verständlich, aber keineswegs als selbstverständlich erscheinen lässt. Die zahlreichen Kinder des Gutsverwalterehepaars Stromberger aus dem Kärntner Ort Krappel am Krappfeld verließen durchwegs ihre Heimat, um an anderen Orten zu arbeiten oder zu heiraten. Eine Tochter betrieb in Graz ein Gasthaus. Bei ihr war Maria Stromberger jahrelang als Köchin tätig. Eine andere heiratete einen Vorarlberger Eisenbahner. Durch sie kam Stromberger 1937 nach Bregenz und absolvierte im Sanatorium Mehrerau die Ausbildung zur Krankenschwester. Nach dem sogenannten Anschluss 1938 erwarb sie in Heilbronn das Diplom einer Oberschwester. Nachdem sie in einem Lazarett in Polen von Wehrmachtssoldaten vom Vernichtungslager Auschwitz gehört hatte, ließ sie sich dorthin versetzen. Zum einen, weil sie das Gehörte nicht glauben wollte beziehungsweise um dort Bedrohten eventuell helfen zu können.

Widerstand

Hier in der SS-Krankenstation schuf sie zuerst eine Atmosphäre des Vertrauens und der Menschlichkeit gegenüber den polnischen Häftlingen, die zu Hilfsdiensten auf der Station eingesetzt waren. Beginnend mit Hilfestellungen für bedrohte Häftlinge übernahm sie immer mehr und riskantere Aufgaben für den organisierten Widerstand im Lager. Zu Beginn des Jahres 1945 kam Maria Stromberger erschöpft und traumatisiert nach Bregenz zurück, ohne hier aber die erhoffte Ruhe zu finden. Auschwitz bebte noch Jahre nach. 1947 legte sie im Warschauer Auschwitzprozess Zeugnis ab über das Funktionieren der Mordanlage. Eine Reihe von in- und ausländischen Ehrungen zeugten von ihrem selbstlosen Einsatz für die Häftlinge. Nur in Vorarlberg wurde „der Engel von Auschwitz“ – so die Bezeichnung ehemaliger Häftlinge für die Oberschwester – nicht wahrgenommen. Mit Harald Walsers Buch liegt nun eine ausführliche Würdigung der mutigen und selbstlosen Krankenschwester vor. Mit bisher unbekanntem Archiv- und Bildmaterial entwirft der Autor ein anschauliches Lebensbild der Maria Stromberger, gibt interessante Einblicke in ihre jeweilige Lebenswelt und verschont die Leserschaft auch nicht vor grässlichen Einblicken in den Alltag und die Abläufe im Vernichtungslager.

Kurzbiografien von ehemaligen Häftlingen und Vorgesetzten in Auschwitz, die in Marias Strombergers Lagerzeit eine wichtige Rolle spielten, ergänzen die Biografie. Ein Personen- und Ortsregister erleichtert die Zugänglichkeit. Der Verlag hat die Lebensgeschichte durch die Gestaltung zu einem dem Inhalt angemessenen Buch gebunden. Obwohl es in diesem in erster Linie um die eindrückliche Lebensleistung einer außergewöhnlichen Frau geht, gelingt dem Autor ein breiter Einblick in ein bewegtes und prägendes Stück Zeitgeschichte. Zugleich bedeutet die Biografie eine späte Würdigung der Maria Stromberger. Zu Lebzeiten hat sie eine solche kaum erfahren, obwohl sie für viele bedrohte Menschen ein leibhaftiger rettender Engel war.