Wer an die Macht will, der täuscht

Impulsforum mit Tomaselli und Beste.
Beim Philosophicum Lech wird die “Kraft der Fiktion” erörtert, Medienanalysen inklusive.
Lech Nachdem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel demnächst von der Politbühne abtritt, sei sie eingangs zitiert. Beim ersten Besuch von Christian Kern, einem der früheren Kanzler der Republik Österreich, hat sie ihm, sozusagen unter Kollegen, folgenden Rat gegeben: „Du kannst es gar nicht so dumm denken, wie es hinterher kommt.“ Das Foyer, in das dieses Bonmot passte, bildeten zudem der deutsche Botschafter Ralf Beste, die Juristin und ehemalige Nationalratsabgeordnete Irmgard Griss und die Nationalratsabgeordnete Nina Tomaselli. Der Journalist Michael Fleischhacker moderierte am Donnerstagnachmittag eine Diskussion im Vorfeld der offiziellen Eröffnung des Philosophicum Lech, die die Aktualität einer Tagung zum Thema „Kraft der Fiktion“ dokumentierte, obwohl sie aufgrund der Pandemie um ein Jahr verschoben werden musste.
Mehr Medienkompetenz
Wahlkampf sei „reine Inszenierung“ bemerkte Tomaselli im anschließenden Gespräch mit den VN. Damit steht schon einmal außer Frage, dass der, der an die Macht will, auch täuscht. Alles, was zuvor am Podium an Medienkritik – an traditionellen, wie an neuen Medien -, aber auch Medienmanipulation vorgebracht wurde, sollte in die sachpolitische Arbeit fließen. Im Grunde plädiert sie damit für mehr Medienkompetenz in der Bevölkerung, für die auch die Politik Sorge zu tragen habe. Ob sie es tut, steht auf einem anderen Blatt. Laut Kern erleben wir die Erosion eines Konzepts des Zusammenhalts: „Wir gehen locker zur Tagesordnung über, wenn eine Partei doppelt so viel Geld für den Wahlkampf ausgibt, als sie dürfte.“ Die auflagenstärksten österreichischen Medien spielen, so Kern, im Camp des Bundeskanzlers. Irmgard Griss bedauerte, dass wirklich wichtige Botschaften wenig Chancen haben, bis zu den Leuten durchzudringen. Was das Klimaproblem betrifft, sei es längst nach zwölf und Rolf Beste nimmt auch den Konsumenten in die Pflicht, der die Medien prägt. Konsumenten genügt offenbar jene Substanzlosigkeit, auf die sich Tomaselli bezog, wenn sie erläuterte, wie Informationen aus den Ministerien an die Medien gelangen. Nämlich nicht nur sinnbildlich gesprochen als ein auf eine Seite gefällig eingedampfter Kurztext aus einem 20-Seiten-Dossier. Einen positiven Aspekt der Fiktion hatte immerhin Botschafter Beste parat: Eine Gesprächs- bzw. Verhandlungsbasis auf internationalem Parkett gäbe es nur, wenn jeder davon ausgeht, dass alle gleich sind.
Demokratiegefährdend
Landeshauptmann Markus Wallner sieht das Thema des Philosophicums im Kontext der Gefahr, die von Fake News ausgeht, die auf Angstmache ausgelegt sind, was wiederum ein wachsendes Klima der Verunsicherung erzeuge. Das demokratiegefährdende Potenzial solcher Mechanismen müsse man absolut ernst nehmen. Neben Qualität sei Aktualität ein Markenzeichen des von Konrad Paul Liessmann geleiteten „angesehenen Forums“, dessen Referenten heuer unter anderem die Kulturwissenschaftler Jan Assmann und Sophie Wennerscheid, die Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und Daniela Strigl, der Philosoph Matthias Burchardt, der Bildtheoretiker Lambert Wiesing und der Spex-Chefredakteur Dietmar Dath sind. Schon die Auswahl der Referentinnen und Referenten lässt den Schluss zu, dass in Lech Fakten zur Fiktion dargelegt werden.
Obmann Ludwig Muxel
Alt-Bürgermeister Ludwig Muxel hat mittlerweile die Obmannschaft im Philosophicum-Verein übernommen. Der verstorbene Alt-Landesrat Guntram Lins hatte zur Etablierung der auf Initiative des Schriftstellers Michael Köhlmeier gegründeten Veranstaltung beigetragen, die in den letzten Jahren rund jeweils 500 Zuhörer anzog, deren Referate in einer Publikationsreihe dokumentiert sind und in deren Rahmen der hochdotierte Tractatus-Preis vergeben wird, was der Tagung weitere Breitenwirkung verleiht.
Kulturwissenschaftler Jan Assmann thematisierte am Donnerstagabend in einem historischen Abriss die Religion als einen jener Bereiche des individuellen Lebens, die nur im Modus des „Als ob“ funktionieren. Nach der Säkularisierung sei der Gemeinsinn an die Stelle der früheren Gottesfurcht getreten, dieser müsse aber so stark sein, „als ob“ er religiös begründet wäre.
„Der Konsument prägt die Medien mit, die Leute wollen diese Schlagzeilen.“
„Die Stelle, die vorher Gottesfurcht eingenommen hatte, muss nun Gemeinsinn füllen.“

Kulturwissenschaftler Jan Assmann.

Das Philosophicum Lech zum Thema “Als ob! Die Kraft der Fiktion” dauert bis Sonntag, 26. September: www.philosophicum.com