Nah am Text und schon ist es gut

Kultur / 19.09.2021 • 21:49 Uhr
Erstarrte, aufschlussreiche Ensembleszene.

Erstarrte, aufschlussreiche Ensembleszene.

„König Ödipus“ als Kriminalfall mit wesentlichen Menschheitsfragen am Landestheater.

Bregenz Der Wille der Götter, die nach antiker Weltvorstellung zu besänftigen waren, beeinflusst unsere Entscheidungen nicht mehr. Sind es nun aber Algorithmen? Binäre Codes lässt Regisseur und Bühnenbildner Johannes Lepper über die Podiumsrückwand flimmern, während das Publikum im Bregenzer Kornmarkttheater Platz nimmt. Ein Raubvogel taucht kurz in der Projektion auf, dann ist es der Begriff Phoibos. Apollon, Gott des Lichts und der Reinigung, war wesentlich beteiligt an der Tragödie des Ödipus, die Sophokles vor etwa 2500 Jahren niederschrieb und die Altphilologen als zum Bildungskanon gehörend erachteten. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Der Saisonauftakt am Vorarlberger Landestheater bestätigt es.

„König Ödipus“ lässt sich vom Blatt spielen, man bleibt nah am Text, hat allerdings die heutzutage gut verwendbare, weil weitgehend pathosfreie Übersetzung von Jean Bollack gewählt und folgt dabei einem Bewegungsrepertoire, das von Esprit zeugt. Nichts mehr ist statisch, kommentierende Chorpassagen werden von handelnden Figuren wie der Botin oder dem Priester mit übernommen, der nach Erkenntnis strebende Ödipus erzeugt einen Strudel, der dem Geschehen in den zwei Stunden eine ungeheure Dynamik verleiht.

Schmerzende Verantwortung

An der Dichte des Dramas, das sich in wenigen Stunden abspielt, wird nicht gerüttelt, wenn sich der auch in den Kostümen betonte antike Spielort perfekt mit einem heutigen Büro verzahnt, in dem immer wieder Kaffee zubereitet wird und die Stühle Schiedsrichtersesseln auf dem Tennisplatz gleichen. Sie werden rasch zu Schutzbarrikaden oder lassen sich im Ränkespiel zwischen Kreon und Ödipus beklettern, bilden sonstiges Mobiliar, versinnbildlichen Handlungsvorgänge und stören vor allem nicht. Denn im Fokus steht das Ringen nach Wahrheit, die Vernunft. Was den forschenden Ödipus treibt, was ihn nicht innehalten lässt, obwohl jeder Schritt bei der Suche nach den Tatsachen noch mehr schmerzt (unwissentlich den Vater getötet, die Mutter geheiratet und mit ihr vier Kinder gezeugt), wird hier wie in einem Kriminalfall aufgesplittet. Dass die Tragödie abwendbar gewesen wäre, steht im Raum, obwohl es Sophokles (noch) kaum ausspricht.

Greifbare Figuren

David Kopp spielt die Figur mit Verve, so, dass sie greifbar wird, und so, dass die Einsicht, die der Zuschauer erfährt, für den sich die Frage nach der Verantwortung stellt, nicht banal zementiert erscheint. Vivienne Causemann zeigt in dieser Spielart folgerichtig eine Iokaste, die sich der Wahrheit schneller stellt als sonst, Luzian Hirzel offenbart die Vielschichtigkeit des nach Macht strebenden Kreon, Manfred Böll findet einen angemessenen Ton für den Seher Teiresias, Nico Raschner (Priester) und Elke Maria Riedmann (Botin) tun das Richtige für die wichtige, sprachliche Kompaktheit, die Oliver Rath an der Gitarre luftig untermalt. In der Antigone-Sequenz am Schluss wird gezeigt, dass die Selbstblendung des Ödipus wiederum Verhängnisvolles erzeugt. Zu platt? Nein, gut erspürt wie alles in diesem großen, leicht zu paraphrasierenden, aber höchst komplexen Stück Weltliteratur.

David Kopp als forschender Ödipus.
David Kopp als
forschender Ödipus.
Starke Besetzung mit Vivienne Causemann, Luzian Hirzel, David Kopp, Nico Raschner, Manfred Böll und Elke Maria Riedmann. VLT/köhler
Starke Besetzung mit Vivienne Causemann, Luzian Hirzel, David Kopp, Nico Raschner, Manfred Böll und Elke Maria Riedmann. VLT/köhler

Weitere Aufführungen von “König Ödipus” vom 21. September bis 3. Oktober am Vorarlberger Landestheater in Bregenz.