Reinhold Bilgeri: “Diese Situation ist gefährlich”

Reinhold Bilgeri steht vor zwei neuen Filmprojekten und ist besorgt über die Wissenschaftsfeindlichkeit.
Bregenz Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, verdeutlicht Verwerfungen, soziale Probleme, aber auch Konflikte im privaten Bereich – dieser Faktor wird immer wieder betont. Reinhold Bilgeri hat ihn bereits in seinem Roman „Die Liebe im leisen Land“ thematisiert, der im Jänner dieses Jahres erschienen ist, bald darauf in den Bestsellerlisten auftauchte und demnächst in die dritte Auflage geht.
Problem unserer Zeit
Da Präsenzveranstaltungen länger untersagt waren, begann die Lesetournee verspätet. Am kommenden Samstag tritt Bilgeri in Lauterach auf. Bei bisherigen Begegnungen mit Leserinnen und Lesern wurde ihm bekundet, dass man Ähnliches erlebt hat bzw. die Geschehnisse gut nachempfinden kann. Bilgeri erzählt in diesem Roman unter anderem von einem Ehepaar, dessen Beziehung auf die Probe gestellt wird, in der vom Virus bedingten Ausnahmesituation ist Unangenehmes an die Oberfläche gedrungen, das abzuarbeiten ist und das nach Entscheidungen verlangt. Schauplatz ist New York, auch die US-amerikanische Politik wird gestreift sowie eine Wissenschaftsfeindlichkeit, die auch Europa und Asien betrifft und die dem Vorarlberger Autor, Musiker und Filmemacher zunehmend Sorge bereitet: „Diese Situation ist gefährlich. Die Wissenschaftsfeindlichkeit spaltet die Gesellschaft und das gefährdet die Demokratie.“
Eine verstärkte Wissenschaftsfeindlichkeit biete vor allem rechten Parteien ein Feld, auf dem sie Stimmen fangen können, indem sie Leuten nach dem Mund reden, die rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich sind. „Dass Wissenschaftler Sachverhalte stets zu verifizieren haben, müsste den Menschen eigentlich klar sein.“
Kronprinz Rudolf
Wissenschaftliche Erkenntnisse, Vernunft, Respekt und Verantwortung sind auch wesentliche Themen seiner Filme. Vor wenigen Jahren drehte er den Spielfilm „Erik & Erika“ über den Skirennläufer Erik Schinegger, der als Mädchen aufwuchs und dem erst spät bzw. als erfolgreiche Sportlerin gegen fragwürdige Widerstände ärztliche Hilfe zuteil wurde. Schon seit Längerem beschäftigt sich Bilgeri mit den politischen Ansichten von Kronprinz Rudolf, die für das breite Publikum im Vergleich zu den Liebschaften des Habsburgers sowie dessen Selbstmord noch kaum aufbereitet wurden. Das Buch ist verfasst, die Dreharbeiten für die Semidoku „Die ungleichen Prinzen – Kaiser Wilhelm II. und Kronprinz Rudolf“ stehen kurz vor dem Start.
Im Zentrum steht die Darlegung jenes von Wilhelm II. vertretenen Nationalismus und Antisemitismus, der zum Ersten Weltkrieg geführt und schließlich Hitler den Weg bereitet hat. Rudolf, der etwa Umgang mit dem Journalisten Moritz Szeps pflegte, habe vor nationalistischen Tendenzen gewarnt, sich gegenüber dem Vater, Kaiser Franz Josef, aber nicht durchsetzen können. Der Stoff habe Brisanz, meint Bilgeri mit Verweis auf „gefährliche Männer“ wie Orban: „Das Absurde ist doch, dass zwei furchtbare Kriege offenbar nicht gereicht haben, man versucht erneut auf die Nationalismuskarte zu setzen.“
Skipionier Schneider
Ein weiteres Filmprojekt ergänzt die Thematik. Bilgeri widmet sich nämlich dem Skiponier und Schauspieler Hannes Schneider (1890-1955) aus Stuben am Arlberg. „Er hat ,Mein Kampf‘ gelesen und gesagt, da mache ich nicht mit.“ Er wurde 1938 von den Nationalsozialisten wegen Äußerungen gegen das Regime verhaftet. Mit Berufsverbot belegt, emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Die Dreharbeiten seien in einen Stau geraten, er hoffe aber, dass er die Arbeiten im Winter zum Abschluss bringen kann.
Als Musiker konnte Bilgeri (geb. 1950) auf die Bühne zurückkehren. Er habe sich „wie neugeboren“ gefühlt und ein Publikum erlebt, das hungrig nach Konzerten war.
Lesung aus „Die Liebe im leisen Land“, 18. September, 20 Uhr, Vereinshaus Lauterach; 19. September, Auftritt beim Donauinselfest mit Heli Burtscher u. a.