Künstler will Ethosbudget generieren

Kultur / 16.09.2021 • 20:00 Uhr
Künstler will Ethosbudget generieren
Das Projekt “Kreissaal” von tOmi Scheiderbauer läuft vom 17. September bis 17. Oktober. Sams

tOmi Scheiderbauer macht das Bregenzer Magazin 4 zum Parlament.

Bregenz Schon als Jugendlicher hat tOmi Scheiderbauer (geb. 1961) das Land verlassen, als interdisziplinär arbeitender Künstler bekannt ist er in Vorarlberg seit Jahrzehnten. Vor allem die telematischen Projekte in Spanien und Italien sind zum Begriff geworden, wurden bereits bei der Eröffnung des Kunsthaus Bregenz im Jahr 1997 thematisiert und führten schließlich vor zwei Jahren zur Vergabe des Internationalen Kunstpreises des Landes.

Damals hatte sich Scheiderbauer mit seiner Leukämie-Erkrankung zu befassen. Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit dem, worum es im Leben wirklich geht, fand der Umstand auch bei der Präsentation des nun aktuellen Projekts im Magazin 4 Erwähnung. Einerseits durch Stadtrat Michael Rauth, der Scheiderbauer seit der Schulzeit kennt, andererseits vom Künstler selbst, der den medikamentös begleiteten Heilungsprozess auch anhand von Wandobjekten thematisiert. Und zwar als berührende Bildsymbole, die vom in rund 70 Sprachen gestalteten Schriftzug „Ich bin“ ergänzt werden. Die Zahl korrespondiert mit den Herkunftsländern der Menschen, die in der Vorarlberger Landeshauptstadt leben oder arbeiten.

Vernunft und Empathie

Dass viele davon vom Angebot des Projektes „Kreissaal“ nicht berührt werden bzw. die vom 17. September bis 17.Oktober anberaumten Veranstaltungen nicht frequentieren, sind Tatsachen, mit denen sich Projektleiter zu befassen haben, da kann man das Wort Partizipation neben der Vernunft noch so oft betonen. „Er möchte die Schwelle so niedrig wie möglich halten“, erklärt der Künstler.  Schon die oben erwähnten Objekte unterstreichen den Wunsch ohne ins Banale abzudriften. Ein weiterer Beleg ist die Empathie, mit der Scheiderbauer seine philosophischen, gesellschaftspolitischen und durchaus ökonomischen Anliegen unterstreicht. So hat er seinen Stipendienaufenthalt im Bregenzer Künstlerhausatelier dafür genützt, mit in verschiedenen Bereichen tätigen Menschen in Kontakt zu treten. Das Magazin 4, das Judith Reichart, die Leiterin des Bregenzer Kulturservice, zu einem Ort für Kunst, Kultur und Gesellschaft entwickeln will, wurde mit einladendem Mobiliar ausgestattet, das schon einmal darauf verweist, dass dieser Diskursort nicht mit den vielzitierten und (mitunter bedauerlicherweise) politische Entscheidungen beeinflussenden Thinktanks zu vergleichen bzw. zu verwechseln ist.

"Ich bin" in jenen 70 Sprachen, die in Bregenz gehört werden können. <span class="copyright">Sams</span>
"Ich bin" in jenen 70 Sprachen, die in Bregenz gehört werden können. Sams

Debattiert werden soll die Frage, ob wir Menschen ein Ethosbudget generieren können, um es im Sinne des Gemeinwohls wieder ausgeben zu können. Kurz gefragt: Wollen wir schönes Geld? Personen, die die Einladung bislang bereits angenommen haben, sind u. a. Stephania Pitscheider Soraperra, Direktorin des Frauenmuseums Hittisau, Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Thomas D. Trummer, Direktor des Kunsthaus Bregenz, Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, sowie Künstlervereinigungspräsidentin Maria Simma. Zögerlich reagierten hingegen Künstlerkollegen.

Früher Aufdecker

Ein Fakt umaus dem Werdegang des Künstlers soll gerade in Bregenz nicht unerwähnt bleiben. Scheiderbauer war Redaktionsmitglied der Schülerzeitungen „Rübe“ und „Zwiebel“ im Bundesgymnasium. Wer sich beim Zurückrechnen bewusst macht, dass Mitte der 1970er-Jahre den Aufdeckern von Pädagogengewalt und schlimmster Herablassung das Verlassen der Bildungseinrichtung empfohlen wurde, für den ergibt sich ein düsteres Bild der damaligen Zustände. Der Künstler entschied sich für eine Fotografenlehre und absolvierte anschließend Meisterklassen in Wien und Basel, um diverse Projekte im Ausland zu starten. Zu den jüngsten zählt ein Plan der italienischen Stadt Lecce, auf dem Anlaufstellen für Hilfesuchende, Orte der Spiritualität oder der Erholung konkret verzeichnet sind.

Das rote Sofa war schon Anlaufstelle im Künstleratelier, in dem Scheiderbauer mit Menschen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen in Kontakt trat. <span class="copyright">Sams</span>
Das rote Sofa war schon Anlaufstelle im Künstleratelier, in dem Scheiderbauer mit Menschen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen in Kontakt trat. Sams

Projekt „Kreissaal“ im Magazin 4 bis 17. Oktober. Eröffnung, 17. September, 17 Uhr, laufende Veranstaltungen: www.kreissaal.jetzt