Grillparzer als Ehetherapeut zweckentfremdet

Theater in der Josefstadt bietet zum Saisonauftakt viel an. “Medea” bleibt allerdings fragwürdig.
Wien Als größtes Privattheater des Landes, das von den Einnahmeneinbußen aufgrund der Aufführungsverbote in der Corona-Pandemie äußerst stark betroffen ist, hat das Wiener Theater in der Josefstadt mit 17 Neuproduktionen an zwei Spielorten einen ambitionierten Saisonplan mit mehreren Stücken österreichischer Autorinnen und Autoren vorgelegt. Die Adaptierung von Schnitzlers Roman “Der Weg ins Freie” durch Susanne Wolf eröffnete den dichten Premierenreigen im September, “Die Dreigroschenoper” folgte, Claus Peymann probt bereits einen Ionesco und mit “Medea” soll Regisseur Elmar Goerden eine Grillparzer-Renaissance einleiten.
Im letzten Teil der Trilogie “Das goldene Vlies” thematisiert Grillparzer die Entzweiung von Medea und Jason als Geflüchtete mit gewaltbesetzter Vorgeschichte, die auf das Wohlwollen von Kreon, dem König von Korinth, angewiesen sind. Dieser will nur Jason Aufenthalt gewähren (als Mann seiner Tochter Kreusa und vor allem im Hinblick auf den Erhalt des wertvollen Vlieses) und Medea verstoßen. Die Folgen sind bekannt. Elmar Goerden gönnt Medeas Rache, dem Mord an ihren Söhnen, zwar ein, zwei schockfreie Bühnenminuten, zeigt dann aber, wie schön die Welt ohne Gier sein könnte. Das Paar ist versöhnt, ein Fest wird gefeiert, Platz ist für alle da – und Geld auch. Grillparzer widmet sich zwar den Motiven Medeas, diese Paartherapie-Alonge wirkt nach gerade noch nicht zu plakativen, weil jeweils nur kurz aufleuchtenden Aktualisierungen (Kreon als ausgefressener, sexistischer Schrebergartenbesitzer, Jason als genervter Manager mit Krawatte, Kreusa als Girly, das Attraktivität als probates Mittel propagiert) allerdings nur noch platt. Sandra Cervik ist in ihrer leisen Entschlossenheit gegenüber Jason stark, nicht in ihrer Klage. Es gibt bewegende Szenen, eine Grillparzer’sche Belehrung bleibt jedoch fragwürdig.
“Medea” wieder ab 14. September. Nächste Premiere: “Stadt der Blinden”: josefstadt.org