Entweder man kann sie leiden oder nicht

Kultur / 10.09.2021 • 16:42 Uhr
Ein Leben voller AbzweigungenRobert FröweinLeykam188 Seiten

Ein Leben voller Abzweigungen

Robert Fröwein

Leykam

188 Seiten

Kurzgeschichten sind wie eine Single, sie sind roh,
charmant und lesenswert.

erzählungen Robert Fröwein lebt in Wien und ist hauptberuflich als Musikjournalist tätig. In der Zeit des Lockdowns war er beruflich unterfordert, also hatte er Zeit für Kurzgeschichten. Die Non-Fiction-Storys sind nach einem gewissen Muster aufgebaut: Fröwein fordert über das Uber-App einen Wagen an, der auch gleich um die Ecke saust. Einmal ist es ein Mercedes der E-Klasse, dann wieder ein Ford Mondeo. Alle Autos sind sauber und nach Möglichkeit aufpoliert. So gut wie alle Fahrer sind freundlich, männlich und Migranten. Der Autor hat nun einige Minuten Zeit, um sich mit ihnen zu unterhalten. Er fragt sie nach ihrem Befinden und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. Die Storys sind weder im sozialen Kitsch zu Hause, noch sind sie eine überzogene Abrechnung mit einem System. In diesen Berichten kristallisiert sich sehr schön heraus, dass diese im Grunde unterbezahlten Chauffeure Teil unseres Systems sind. Sie kommen aus aller Herren Länder, wie zum Beispiel aus dem seit Jahrzehnten krisengebeutelten Afghanistan.

In „Ein Leben voller Abzweigungen“ bekommt man durch die Statements einen guten Einblick darüber, was Menschen bewegt, die noch kein ganzes Leben hier sind. Klar, es geht auch um die Lockdowns, die zwangsläufig das Leben der Fahrer beeinträchtigen, wenn man denkt, dass gerade junge Menschen nach Partys und Club-Besuchen einen beachtlichen Teil der Kunden ausmachen. Dass diese Fahrten nicht immer glimpflich abgehen, kann man sich vorstellen. Aber der Autor trifft auch auf Unternehmer, die einen kleinen Fuhrpark mit Limousinen für Flughafenfahrten betreiben, in den letzten Monaten den Horror pur erlebten und jetzt mit ihren dicken Autos im Grätzel mit Kurzfahrten ihr Auskommen finden müssen. Aber da wird jetzt nicht über das Maß geraunzt und der Autor will auch keine Schicksale vorführen. Heraus kommen kleine Storys über eine Vielzahl von Schicksalen unzähliger Migranten, die in Summe ein noch nicht oft betrachtetes Mosaik unseres Landes ergeben.

Einsame Heldin

Der nächste im Gewerbe der schreibenden Zunft ist ein Routinier. James Sallies hat mit seinen beiden „Drive“-Romanen die düstere Welt der Agenten beschrieben, die am Sprung in den Ruhestand sind und noch einmal so richtig nervös werden, ob sie nicht plötzlich ihrem Land gegenüber in Ungnade fallen und beseitigt werden, da sie viele Informationen wissen und für bezahlte Killer-Dienste nun zu alt sind. Lebenskrisen, Depressionen und finanzielle Miseren stehen auf der Tagesordnung. Das Motel an der Ecke, das Drive-in an der Kreuzung, der Drugstore oder das Provinzhospital sind als Setting auswechselbare Versatzstücke eines nicht geglückten American Dream, den Sallis zum Grundgerüst seiner Romane macht.

Prinzipiell pumpt der Autor diese Locations mit Leben voll, Agenten, Auftragskiller, Polizisten und Detektive treiben ihr Unwesen, kühn, kalkulierend, jedoch mit bilderreichem Hochgenuss ausgestattet. In „Sarah Jane“, Sallis neuestem Wurf, ist die Akteurin eine misstrauische Einzelgängerin aus verwahrlosten Verhältnissen. Sie mühte sich als Soldatin und Polizistin durchs Leben, bis sie einmal selbst verdächtigt wird. Der Autor scheint es aber mehr auf Sarah Jane und ihr unentwegtes Rumoren in der Magengegend abgesehen zu haben als auf eine strukturierte Aufklärung des Falls. Friss oder stirb, heißt es in diesem Fall auch für den Leser. Warum auch nicht? Leicht wird es einem zu oft gemacht.

Sarah JaneJames SallisLiebeskind217 Seiten

Sarah Jane

James Sallis

Liebeskind

217 Seiten