Konzerte, die man gehört haben muss

Kultur / 31.08.2021 • 14:00 Uhr
Konzerte, die man gehört haben muss
Die Berliner Philharmoniker unter dem in Vorarlberg geborenen Kirill Petrenko sind ein Gespann von Rang und Namen. SF / Marco Borrelli

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmonikern gossen bei den Salzburger Festspielen das romantische Füllhorn aus

Salzburg Ein Abend im Geist der Romantik war das erste Gastkonzert der Berliner Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen. Mit Carl Maria von Webers Ouvertüre zur großen romantischen Oper „Oberon“ eröffnete das Orchester den Abend. Die einleitenden charakteristischen Hornmotive bildeten die große Klammer zum zweiten Teil des Konzerts, der Großen C-Dur Symphonie von Franz Schubert. Und was die ersten Takte versprachen, das entfaltete sich in dieser schwungvollen Eröffnung. In rhythmisch präziser und in dynamisch akzentuierter Form ließ das Orchester seinen vollen Klang erstmals hören.

Romantik in neuem Gewand

Carl Maria von Webers Musik in modernem Gewand bildete den ersten Höhepunkt des Abends. Die “Metamorphosen” auf Themen dieses Komponisten von Paul Hindemith bildeten zugleich Brücke und Gegensatz zur romantischen Ouvertüre. Schon durch die Vergrößerung des Instrumentariums auf der Bühne zeigt sich die Weiterentwicklung des frühromantischen Orchesters zu einem spätromantisch-modernen Klangkörper. Ursprünglich als Ballettmusik gedacht ist diese Orchestersuite des von den Nationalsozialisten als  “entarteter Künstler” vertriebenen Komponisten ein in den USA häufig gespieltes werk, bei uns allerdings eher selten zu hören. Zu unrecht, wie sich zeigt: die ungarischen Anklänge des ersten Satzes, ursprünglich ein vierhändiges Klavierwerk Webers, weichen nach und nach einer virtuosen Orchesterdurchführung, besonders der zweite Satz besticht durch seine Vermischung der Weber’schen Musik mit Jazzklängen der 1940er Jahre. Hier zeigt das Orchester in seinen Registergruppen virtuos seine Vielfalt auf: es brilliert nacheinander das Blech, dann das Holz und schließlich das Schlagwerk.

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SF / Marco Borrelli

Die große C-Dur Symphonie von Franz Schubert nahm den zweiten Teil des Abends ein, präzise und tänzerisch von Petrenko mit anschaulicher Leichtigkeit und romantischem Tiefgang interpretiert. Die Berliner Philharmoniker setzen auf einen Klang, der sich weniger an klassischer Leichtigkeit als an einem Blick in die Zukunft der Musikentwicklung des 19. Jahrhunderts orientiert und damit der Schubert’schen Musik visionären Charakter verleiht.

Wandelbar und facettenreich

Am zweiten, darauf folgenden Abend dann die Bestätigung dessen, was schon am ersten Konzertabend nicht zu überhören war: Die Berliner Philharmoniker unter dem in Vorarlberg geborenen Kirill Petrenko sind ein Gespann von Rang und Namen. Mit Tschaikowskis Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ in h-Moll unglaublich zart und dennoch kraftvoll, gemeinsam mit der russischen Pianistin Anna Vinnitskaya scheinbar spielerisch aufbrausend und gleichzeitig auch miteinander kokettierend und mit Josef Suks „Sommermärchen“ sich in epische Breiten aufspannend, präsentierte sich das Orchester in Höchstform.

Die Liebe und die Trauer

Kirill Petrenko wählt mit Tschaikowski und Suk einen perfekten Rahmen für das kontrastreiche Klavierkonzert des damals erst 20jährigen Prokofjew. Schwelgerisch und doch klar fasziniert da das Schicksal von Romeo und Julia, das Tschaikowski immer wieder bearbeitet hatte und das heute in der dritten Fassung vorliegt. Das Motiv der beiden Liebenden hat „Kultstatus“ erreicht. Reizvoll ist es aber auch, den Streit der verfeindeten Familien Montague und Capulet musikalisch zu verfolgen, bis das Drama mit einem leichten Hoffnungsschimmer endet. Kirill Petrenko kann zart, er kann leise, er versteht sich aber auch auf die ganz große Geste, wovon man sich bei Suk und seinem „Sommermärchen“ überzeugen konnte. Die Tondichtung ist Teil einer persönlichen Trauerarbeit, mit der Josef Suk den Tod seines Schwiegervaters Antonin Dvorak und dessen Tochter – Suks Frau – Otilie zu verarbeiten versuchte. Schwer, drückend, stellenweise auch melancholisch liegt da der Sommer über den Klangbrücken. Wehmütig-klagend vernimmt sich der Abschied vom vollen Leben. Umso berührender gelingen die musikalischen Zwiegespräche, in denen sich jeweils zwei Solisten zu musikalischen Pärchen zusammenfinden, bevor das Orchester wieder in breiten Bahnen das Heft übernimmt.

Eine Virtuosin ihres Fachs

Liebe und Trauer sind also die thematischen Brücken, die Tschaikowski und Suk miteinander verbinden. Ganz anders da Prokofjew oder eben Anna Vinnitskaya. Sich ihrer technischen Brillanz bewusst, spielt sie diese Trumpfkarte gekonnt aus. Das Verspielte, das Virtuose kommt dabei aber nicht zu kurz. Einmal drückend und drängend, dann wieder leicht weist Prokofjews Klavierkonzert Nr 1 in Des-Dur den Weg in ein ganz neues Zeitalter.

Was soll man also noch mehr sagen: Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker in Salzburg – muss man gehört haben. Ansonsten einfach die nächste Reise Richtung Berlin planen. Dort ist nämlich eine Reihe von Auftragswerken zeitgenössischer Komponisten und Komponistinnen in Planung. Und das ist sicherlich auch ein Hörerlebnis. mf-vf