Im Garten der goldenen Äpfel

Bianca Tschaikner lädt mit „The Far Province“ zu einer Reise an einen Nicht-Ort ein.
Bregenz Der Apfel ist ein kraftvolles Symbol. Nicht umsonst geht das Gerücht um, dass er bei täglicher Konsumation den Doktor fernhält. Doch es geht noch wesentlich tiefer. Ihm haben wir den Sündenfall zu verdanken, und der verfolgt uns heute noch auf Schritt und Tritt. Im Märchen raubt er Schneewittchen zur Freude des kussbegabten Prinzen den Atem. Ohne ihn gäbe es keine Schwerkraft, also, zumindest keine Theorie, die nach eben dieser benannt ist. Nicht außer Acht gelassen werden darf, dass die schreibende Zunft ohne das Wort „Zankapfel“ um ein Synonym ärmer wäre, um eine Schlagzeile, in der es um Streitigkeiten geht, zu publizieren. Nur Goethe, der alte Hundefreund, hat da nicht mitgespielt. Statt des Apfels Kern war es beim Faust der des Pudels, ansonsten hätte das diese Aufzählung wesentlich bereichert.
Hesperiden
Um vom Kernobst auf die Ausstellung „The Far Providence“ (Eröffnung: Morgen, Samstag, 28. August, 19 Uhr, in der Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle) von Bianca Tschaikner (35) zu kommen, braucht es nur ein Wort: Hesperiden. Das sind, je nach Quelle, drei bis sieben Nymphen. Allerdings nicht von jener Sorte, welche dem Lustmolch das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Tschaikners Interpretation richtet sich glücklicherweise nach der griechischen Mythologie, in welcher es die Aufgabe der Hesperiden war, einen Baum mit goldenen Äpfeln, den Gaia der Hera zu ihrer Hochzeit mit Zeus hatte wachsen lassen, zu hüten. Klar, mag man sich denken, kennt man irgendwoher: Die elfte Aufgabe des Herakles, bekannt aus Funk und Fernsehen. Da der Heros allerdings kein Lustmolch war, zog er es vor, Atlas, den Vater der Nymphen, zu überlisten, wie das nun mal Usus ist in der Mythologie griechischen Ursprungs.
Melusinen
Sechs von den Nymphen sind in der Ausstellung der in Dornbirn residierenden Weltenbummlerin zu sehen. Ihre Kunst, zu entdecken sind Werke der letzten zwölf Monate, lässt sich nicht eindimensional beschreiben, funktioniert sie doch auf mindestens drei Ebenen. Es zählt die Geschichte hinter dem Motiv, dessen Übertragung auf die Platte sowie die Art des Drucks (Monotypien, Aquatinta-Radierung). Drei Monate stand sie jeden Tag in ihrem Atelier in einem abgelegenen Dorf im nordspanischen Galicien, um dort von Hand zu drucken. Galicien wird nicht umsonst verwunschenes Land genannt – Bianca Tschaikner bringt das Mystische der Gegend am wilden Atlantik im übertragenen Sinne aufs Papier. Für die Künstlerin ist die ferne Provinz eine Erkundung der Innenwelt, eines Nicht-Orts, der von halb realen, halb imaginären Wesen, die dem kollektiven Unterbewussten entstammen, nur so wimmelt.
Nicht nur die Serie mit den Hesperiden ist dort entstanden. Besonders eindrücklich sind auch die Melusinen, zweischwänzige Meerjungfrauen, die so weit von Disneys Arielle und dem einhergehenden Prinzessinnenklischee weg sind, als nur möglich. Beengt wirken sie, und das in einem Ozean, der eigentlich als weit und offen assoziiert wird. Bei Tschaikner ist er jedoch dunkel und ungreifbar. Weitere Verarbeitungen mythologischer Wesen beziehen sich auf das Buraq, den lächerlichen Zauberer und die Wolkenmacherin (nicht verwandt oder verschwägert mit Frau Holle).
Einzig die Figuren der Muschelsammlerinnen, in Galicien Mariscadoras genannt, die ihrer gebückten Arbeit im Morgengrauen nachgehen – einer gemeinhin als mystisch beschriebenen Tageszeit – sind in der Realität angesiedelt. In dieser Realität wird Tschaikner auch ein buntes Rahmenprogramm bieten, inklusive einer geheimen Ausstellung. Abseits der Drucke präsentiert die Künstlerin zudem aktuelle Keramikarbeiten, welche sie zum Teil mit von ihren Reisen mitgebrachtem Lorbeer und Eukalyptus drapiert. Gerade die letztgenannte Pflanze schließt ungewollt, auch aufgrund der Aktualität, einen Kreis. Eukalyptus wurde zur Papierproduktion in Galicien angesiedelt, entzieht jedoch anderen Pflanzen die Nährstoffe und sorgt für Waldbrände. Er ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute, will und stets das Böse schafft. Sowas gibt es sowohl in der Mythologie wie auch in der wahren, greifbaren Welt. Hätte man doch nur Apfelbäume gepflanzt.
Zur Person
Bianca
Tschaikner,
geboren 1985 in Bregenz, ist Illustratorin, Druckgrafikerin und Geschichtenerzählerin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in Wien, Mediengestaltung an der FH Vorarlberg und in Chile, Druckgrafik in Florenz und Betanzos und absolvierte anschließend ihren Master in Illustration in Macerata. Auf Reisen und Artist Residencies, z.B. in Nordafrika, Iran, Indien, Pakistan, Indonesien und Spanien, findet sie Inspiration für ihre Bücher, Bilder und Texte.
„The Far Province“ ist vom 28. August bis zum 2. Oktober in der Galerie Lisi Hämmerle zu sehen. Mehr Informationen sind unter www.galerie-lisihaemmerle.at abrufbar.