Gleich mittendrin in der Zeitgeschichte

Bregenz Man war gleich mittendrin, bei Brigitte Fassbaenders Lesung aus ihren Memoiren „Komm‘ aus dem Staunen nicht heraus“ (Verlag C. H. Beck) am letzten Wochenende im Festspielhaus, denn die Autorin begann ohne Einleitung sofort mit ihrer Geburt am 3. Juli 1939 in Berlin. Und auch gleich mittendrin in der Zeitgeschichte: Hitler, die politische Einstellung der Eltern und die Bombenangriffe auf Berlin werden ebenso thematisiert wie der Kaiserschnitt der Mutter und die Babyzeit am Nikolassee, wo die Eltern, der schon damals international berühmte Bariton Willy Domgraf-Fassbaender und die junge Schauspielerin Sabine Peters, ein großes Haus führten. Zeitgeschichtlich sind die ersten Kapitel dieses Buches unabhängig von der Prominenz der Autorin absolut lesenswert, vor allem auch, weil Fassbaender sehr anschaulich schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie überlebte als Fünfjährige bei den Großeltern in Dresden die verheerende Bombardierung der Stadt durch die Engländer, sie schildert die Fahrt zurück nach Berlin durch zerfetzte Kiefernwälder und die Russenzeit in Berlin, als ihre Mutter zigfach vergewaltigt wurde. Das ist ein Grund, dieses Buch zu lesen, ein anderer ist die Schilderung ihrer künstlerischen Laufbahn und die Auseinandersetzung mit dem Beruf der Sängerin und der Opernwelt.
Absolut lesenswert
Man erfährt viel über berühmte Kollegen wie Hermann Prey oder Fritz Wunderlich, mit besonders viel Anteilnahme schreibt sie über den genialen Dirigenten Carlos Kleiber, der sich wie sie mit einem übergroßen Vater auseinandersetzen musste. Aber auch Kurzweiliges gibt es, wie die Anekdoten über die ebenso mit Humor gesegnete Primadonna Montserrat Caballé oder die weißen Pelzcapes, die Georg Solti den Damen zukommen ließ, die seinen erotischen Wünschen nachkamen (Fassbaender lehnte ab). Ein Liebesbrief an Franz Schubert, Diäten, die sie vergeblich gemacht hat, eine Hommage an ihre Bühnenschuhe – all das und noch viel mehr findet sich in dieser absolut lesenswerten Künstlerautobiografie, der das Publikum eineinhalb Stunden gebannt lauschte. UL
“Die Italienerin in Algier” von Rossini, inszeniert von Brigitte Fassbaender. Premiere: 16. August bei den Bregenzer Festspielen.