Schluss mit der Opferrolle der Frauen

Kultur / 06.08.2021 • 19:28 Uhr
Die Handlung entspricht hier einem Thriller.

Die Handlung entspricht hier einem Thriller.

Bei den Wagner-Festspielen wird dem „Fliegenden Holländer“ gewieft der Garaus gemacht.

Bayreuth Endlich wieder Musiktheater und dann auch noch ein Aufräumen mit den sich opfernden Frauen in der Oper. Das ist gewagt, zumal in Bayreuth und angesichts der Tatsache, dass Richard Wagner, der sein eigener Librettist war, dieses Sujet oft verwendet und sich im 1843 uraufgeführten „Fliegenden Holländer“ auch an der Erlösung suchenden Künstlerseele weidet. Ausstatter und Regisseur Dmitri Tcherniakow, den das Publikum der Region von Inszenierungen in Zürich („Die Sache Makropulos“), München („Lulu“) oder Berlin („Parsifal“) kennt, lässt das Mythologische bei Wagner gerne einmal sein. Auch der dem „Holländer“ zugrundeliegende Sagenstoff ist ihm ziemlich schnuppe. Eher verweist er auf eine andere Quelle Wagners, denn das mit der Erlösung hatte schon Heine in seinen Schnabelewopski-Memoiren nicht so ernst gemeint. Jedenfalls musste ein Krimi her – oder gar ein Thriller.

Dieser funktioniert über weite Strecken in der Neuinszenierung, mit der die Bayreuther Festspiele nach der Corona-Pause 2020 heuer die Saison eröffnet haben und bei der sich in der zweiten Aufführung schöne Kompaktheit zwischen Bühne und Orchestergraben einstellte. Der vom Libretto abweichende Plot beginnt bereits bei der Ouvertüre, während der die Mutter des Holländers von Daland, mit dem sie ein Verhältnis unterhält, verlassen wird, sich umgeben von kleinstädtischer Biederkeit erhängt und dem Buben damit ein Trauma verpasst. Jahrzehnte später begehrt der zum Seefahrer gewordene Mann – wohl aus Rache – Dalands Tochter Senta. Als der unter Männern ausgehandelte Deal wegen des verliebten Erik nicht gleich klappt, wird der Ort in Brand gesteckt und es fallen Schüsse. Da greift Mary, Sentas Amme, ein und knallt den Unhold ab.

Hinterfragung

Senta bleibt somit der Opfertod erspart, stattdessen ist das Mädchen nicht mehr nur aufmüpfig, sondern erwachsen geworden. Das passt genauso zur Musik, würde der Vorhang nicht fallen, sähe man wohl, wie die beiden Frauen die Männerwelt hinter sich lassen. Wir schreiben das Jahr 2021, Opernstoffe dürfen auch hinsichtlich einer sich geänderten Gesellschaft hinterfragt werden und so gegen die Motive Wagners gebürstet ist die Handlung nun auch wieder nicht. Die Szenen – Männer in der Kneipe, Mädchen nicht beim Spinnen, sondern bei einer Chorprobe und die Begegnung zwischen Holländer und Senta am bürgerlichen Mittagstisch – sind genau herausgearbeitet, mehr Tiefenpsychologie ist nicht drinnen. Die müssen die Stimmen erwirken und dafür ist Asmik Grigorian selbstredend eine Idealbesetzung, die Partie hat sie intus wie nur etwas, das Spiel offenbart eine große Bandbreite an Rebellion und Emotion. Mary (Marina Prudens­kaya) durchschaut in stimmlicher Hochform viel, während die Eindimensionalität bei Daland, dem Holländer und Erik deutlich wird, wiewohl Georg Zeppenfeld, Eric Cutler und John Lundgren gesangstechnisch aufbringen, was verlangt wird. Zwischen den sich drehenden Häuschen und in der Enge eines Wintergartens zeigen sich allerdings die Grenzen dieser einst so publikumsfreundlich konzipierten Bühnendimension. Die Idee ist nachvollziehbar, aber das Ergebnis mitunter ein Suchbild.

Erste Maestra

Musikalisch ist dieser Holländer unter dem ungemein dynamischen Dirigat von Oksana Lyniv ein Ereignis. Die Zuspielung des Chores muss wegen Corona in Kauf genommen werden. Die erste Maestra in Bayreuth kommt mit dieser Schwierigkeit gut zurecht und die Besucher wurden für die Einhaltung strenger Pandemie-Auflagen, die das Einfinden auf dem eingezäunten Festspielareal bis spätestens einer Stunde vor Beginn vorsieht, mit Komfort belohnt. Gut, ein halb gefüllter Saal belastet das Budget, aber, man traut es sich ja kaum zu erwähnen, im extrem eng bestuhlten Saal einmal niemanden neben und vor sich sitzen zu haben, bleibt ebenso positiv in Erinnerung wie die gezielt zum Blühen gebrachte Musik.

Asmik Grigorian, Senta im „Fliegenden Holländer“. b ayreuther Festspiele/Nawrath
Asmik Grigorian, Senta im „Fliegenden Holländer“. b ayreuther Festspiele/Nawrath

Weitere Aufführungen von “Der fliegende Holländer” am 7., 11., 14. und 20. August und im weiteren Saisonen der Bayreuther Festspiele.