Publikum belohnt eine weitere Uraufführung der Bregenzer Festspiele

„Lohn der Nacht“ von Bernhard Studlar greift trotz Klischees.
Bregenz Ein bestechlicher Polizist, ein Fußballstar, der mit dem plötzlichen Reichtum überfordert ist, eine Opernsängerin, die der Gier des spendablen Mäzens gerade noch entkommt, ein Kindermädchen, das nur seinen Job tut, weil es Geld braucht – mehr Klischees kann es kaum geben. Aber hoppla, der Österreicher Bernhard Studlar dreht und wendet sein Drama „Lohn der Nacht“ so zurecht, dass es greifen kann bzw. dass begreiflich wird, dass sich die Wettbewerbsjury der Theaterallianz für dieses Werk entschied. „Die Arroganz des Kapitals“ lautete das Motto und die Vorgabe, denn das Werk sollte ursprünglich im Festspielsommer der „Madama Butterfly“-Premiere zur Uraufführung kommen. So unverschämt der amerikanische Marineoffizier Pinkerton in der bekannten Puccini-Oper in Japan agiert, so stellen sich auch die Mechanismen von Haben und Nichthaben in der Gegenwart dar. Als unverschämt empfindet sie heutzutage nur kaum jemand, das zeigte sich zuletzt auch unter österreichischen Politikern.

Mit der Uraufführung von „Lohn der Nacht“ aufgrund der pandemiebedingten Programmverzögerung bei den Festspielen nicht zuzuwarten, ist die richtige Entscheidung. Bis das Stück alle Allianz-Gastspielorte, also die Bühnen in Linz, Graz, Salzburg etc., mit denen das Bregenzer Theater Kosmos kooperiert, durchlaufen hat, steht bereits die nächste Festspielsaison an, dann gibt es nicht mehr „Rigoletto“, sondern die erwähnte „Madama Butterfly“ auf dem See.
Der „Lohn der Nacht ist der nächste Tag mit all seinen Wundern und Wunden“, lässt uns Studlar wissen. Seine Nachtarbeiter, die zum Großteil keiner Nachtschwärmerei nachgehen können, weil ihnen das Leben keine Pausen gönnt, haben rund um einem Würstelstand Begegnungen erlebt, an denen sie sich nicht nur reiben, sondern auch ein kleines bisschen reifen können. Das gilt für die Diva, die den Wiedereinstieg nach der Babypause schafft, ebenso, wie für den verführbaren Polizisten, den noch adoleszierenden Sportler oder das Kindermädchen, das sich schon in der Jugend eine Panzerung zugelegt hat.
Die Qualität des Stücks zeigt sich weniger in der philosophierenden Würstelstandbetreiberin oder im Kampf, den ein Vater nach dem Unfalltod des Sohnes mit sich austrägt, sie zeigt sich in der Schärfe, die diese Dialoge immer wieder haben.

Dass Regisseurin Jana Vetten darauf nicht wirklich eingeht und die Momente nicht überhöht, ist etwas schade. Somit obliegt es den Figuren, dem Abend Drive zu geben und da bringen die Schauspielerinnen Zeynep Buyrac (Diva) und Lara Sienczak (Kindermädchen) und Lilly Prohaska (Würstelstandbesitzerin) eindeutig mehr ein als Luka Vlatkovic (Fußballer), Till Frühwald (Polizist) und Marcus Thill (Mäzen), die – sei es im Guten, im Bösen oder beim Witz – recht eindimensional bleiben. Eugenia Leis hat die große leere Bühne, auf der nach einem althergebrachten Spielmuster auch alle Nichthandelnden sichtbar bleiben, mit einer obligatorischen Würstelstand bestückt. Dieses Mobiliar zur leuchtenden „Insel“ zu machen, ist eine gute Idee, die Videoszenen werden allerdings vergeigt.
Das Premierenpublikum nahm es gelassen, viel Applaus für die Schauspieler und den Autor.

Weitere Aufführung von „Lohn der Nacht“ am 6. und 7. August, 20 Uhr, im Rahmen der Bregenzer Festspiele im Theater Kosmos.


