Wie Taube Mocker Leben rettete

Arbeiten von Anna Jermolaewa im Magazin 4 konfrontieren mit berührenden Geschichten.
Bregenz Nur um ein Haar entkam die Taube Joe der Einschläferung. Riesige Distanzen zu überwinden, beispielsweise den Pazifik, ist in Zeiten der Pandemie nicht angesagt. Für die Behörden stellte das Tier, das scheinbar im vergangenen Winter die Flugroute von den USA bis nach Australien zurücklegte, erst einmal eine Gefahr dar. Die erstaunliche Ausdauer der Spezies wurde Jahrzehnte zuvor noch genutzt, um Leben zu retten. Taube Mocker bezahlte im Ersten Weltkrieg die Übermittlung einer Botschaft in Frankreich mit einem Auge, Taube Paddy erfüllte eine wichtige Mission am D-Day, der bekanntermaßen die maßgebliche Wende im Zweiten Weltkrieg bewirkte. Anna Jermolaewa hat den zu Nutztieren abgerichteten Boten der leider nicht friedliebenden Menschen eine Art Denkmal gesetzt.

Zeichenblockgroß berührt deren Statur wie die kalligrafisch notierte Geschichte im Magazin 4. Die Bespielung und Rückführung des Raumes zum Kunstort zählt zu den herausfordernden Aufgaben von Judith Reichart, die seit einigen Monaten den Kulturservice in der Landeshauptstadt leitet. Die weltumspannenden Geschichten, die hier nun per Videos, Zeichnungen, Malerei, Fotos und Objekten bzw. Konzeptkunst erzählt werden, haben den Charakter einer kleinen feinen Sommerausstellung mit Arbeiten auf hohem Qualitätslevel, die leicht zugänglich sind.

Geradezu legendär sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Vorarlberg und Nigeria. Mit der gesamten Textilindustrie hat sich mittlerweile auch die Produktion edler Spitzen verlagert. Einige Hersteller gibt es in Lustenau jedoch noch. Sie produzieren Stoffe für Festlichkeiten, deren Konzept, wie eine Videoinstallation zeigt, auch deren Finanzierung sichert. Eine enorme Distanz hat auch Ivo Zdarsky überwunden, der im selbstgebauten Flugzeug in den 1980er-Jahren die tschechisch-österreichische Grenze überflog und mittlerweile in den USA wohnt, wo er weit abseits urbaner Siedlungsgebiete seine Vorstellung von Freiheit lebt. Angesichts der Überwindung einer besonders weiten Flugroute, nämlich der zum Mars, dokumentiert Anna Jermolaewa in Bildern wie auf Briefmarken den skurrilen Wettlauf der Supermächte, bei dem die Sowjetunion schon in den 1970er-Jahren punktete. Dazu wird der Science-Fiction-Streifen “Aelita” aus dem Jahr 1924 per Kostümen rekonstruiert, die zudem mit nachgestellten hierarchischen Szenen den performativen Aspekt der Ausstellung erfüllen. Die erwähnten wie weitere Exponate sind Objekte von großer Fülle, besonderer Schönheit und enormer Erzählkraft.

Die Ausstellung wird am 16. Juli (15 bis 20 Uhr) im Magazin 4 in Bregenz (Bergmannstr. 6) eröffnet und ist bis 5. September, Di bis So, 14 bis 18 Uhr, zu sehen.