In der Oper lässt es sich mitunter schön leiden

Kultur / 15.07.2021 • 11:00 Uhr
In der Oper lässt es sich mitunter schön leiden
Rachael Wilson und Arturo Chacón-Cruz in Massenets „Werther“ in Stuttgart.  STAATSOPER/FROWEIN

Goethes „Werther“ bleibt auf der Bühne herausfordernd, doch es zeichnen sich Lösungen ab.

Stuttgart Natürlich ist er am Ende tot. Wenn von Lösungen zu sprechen ist, dann geht es nicht darum, dass sich für Werther, dem von Goethe berühmt gemachten, unglücklich verliebten Rechtspraktikanten eine Alternative abzeichnet. Lotte, nach der er sich verzehrt, ist Albert versprochen, stellt Pflicht vor das Gefühl, somit bleibt in Werthers engem Horizont nur der erlösende Pistolenschuss. Etwa 120 Jahre nach dem Erscheinen des Romans hat Jules Massenet die Geschichte vertont, die den Franzosen zu düster war, was zur Uraufführung der Oper „Werther“ im Jahr 1892 in Wien führte. Im Vergleich zum „Don Quichotte“ desselben Komponisten blieb das Werk auf den Spielplänen. Neben dem Herzschmerzthema, das das ansonsten die Konventionen achtende Bürgertum in Literatur und Musik gutheißt, sind dafür die Farbigkeit der Partitur sowie die Möglichkeiten, die Massenet den Sängern bietet, ausschlaggebend.

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 staatsoper/Frowein

In der Neuinszenierung an der Staatsoper Stuttgart wird beides unter Marc Piollet mit dem auf der Bühne postierten Staatsorchester und vielen Rollendebütanten zum Ausdruck gebracht, während Regisseur Felix Rothenhäusler den gesellschaftlichen Konflikt wegbläst, nur Psychologie zulässt. Bühnenbildnerin Katharina Pia Schütz hatte nicht mehr als eine Scheibe zu konstruieren und Elke von Sivers (Kostüme) kleidet die Protagonisten in Weiß, Blau, Grün und Schwarz, nur Werther selbst darf noch Jeans zum roten Hemd und dem Rosenbukett tragen. Die Zuordnung ist somit kinderleicht und wer keine Hauptrolle innehatte, durfte ohnehin zu Hause bleiben. Dass Werther, Charlotte, Albert und der Amtmann (hier einer von der Security) nicht alleine sind, verdeutlicht in dieser gestrafften Fassung Statisterie und der Kinderchor, dessen Mitglieder – wie die Protagonisten – vom Zuschauerraum aus auf die Bühne klettern. Theater im Theater also. Das ist nicht neu, hier aber auch nicht verkehrt. Rothenhäusler verordnet seinem Quartett Kreis- oder Diagonalbewegungen. Selten wird ein Schicksal so konsequent skizziert, drohendes Ausleiern abzufangen wird dabei allerdings den Stimmen aufgebürdet. Arturo Chacón-Cruz (Werther) besteht im Großen und Ganzen mit Brillanz, Rachael Wilson (Charlotte) auch mit der Frische einer Stimme und einer Technik, der es an nichts fehlt, Pawel Konik (Albert) erfüllt alle Anforderungen und Aoife Gibney (Sophie) erweist sich als Entdeckung.

Am Ende regnet es Rosenblätter, die zum Liebes- und Totenbett werden. Dem Schmelz mit Kitsch begegnen? Eine Lösung ist es.

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 staatsoper/FroweiN

Weitere Aufführungen von „Werther“ ab 15. Juli: www. staatsoper-stuttgart.de