Humanistischer Stoff, spannend erzählt

Kultur / 09.07.2021 • 17:17 Uhr
FeuerlandMichael Hugentoblerdtv222 Seiten

Feuerland

Michael Hugentobler

dtv

222 Seiten

„Feuerland“ ist ein erstaunliches Buch und „Talión – die Gerechte“ ein guter Thriller.

romane „Feuerland“ nennt sich der Roman vom Schweizer Autor Michael Hugentobler. Tatsächlich liegt in diesem Landstrich die Basis für sein Buch. Thomas Bridges wächst als Ziehsohn britischer Missionare am südlichen Zipfel von Südamerika ausschließlich unter Ureinwohnern, den Yamana, auf. Von Anbeginn an ist er von ihrer Kultur fasziniert und fertigt in jahrelanger Kleinstarbeit ein Buch über ihre Sprache und ihre Schöpfungsgedanken an. Kurz vor seinem Tod wird ihm das Buch gestohlen und landet eher zufällig, falls man hier von Zufall sprechen will, beim Völkerkundler und Sprachwissenschaftler Ferdinand Hestermann. Hestermann lehrt auf deutschen Universitäten und zelebriert in dieser Zeit eine Weltoffenheit, die sich gegen enge, nationale Gedanken stellt. Sein größtes Geheimnis ist dieses bibelähnliche Buch, das ihm die Welt erklärt und ihn durch schwierige persönliche und berufliche Zeiten trägt, bis die Nationalsozialisten die Macht übernehmen und auch vor einem Umkrempeln der Bildung nicht zurückschrecken. Goebbels Propagandagedanke wird schon stark spürbar, für Hestermann und seine pluralistische Bibliothek über die Naturwissenschaften wird es sehr eng. Mehr wird jetzt nicht verraten.

Parallel dazu denkt sich Hestermann immer in den Menschen hinein, dem er dieses Buch zu verdanken hat. Er spricht hier von seinem Schatten, den der Autor in einem Kunstgriff im zweiten Teil zu Wort kommen lässt. Hätte es eigentlich nicht gebraucht, das Gespenst im Hintergrund wäre Andeutung genug. Der Leser kann also durchaus den zweiten Teil überspringen und im dritten fortfahren, einen Versuch ist es wert. Wunderbar ist die Annäherung an das Werk und an die Entstehung des Menschen überhaupt, die durchaus eine gewisse Demut vor dem gesammelten Wissen der Menschheit entstehen lässt. „Feuerland“ ist ein großer, humanistischer Stoff, traditionell, aber doch spannend erzählt, dessen sich in einer Vorzeit Autoren wie Elias Canetti angenommen hätten.

Eine Nachwuchshoffnung

Jetzt zu etwas komplett anderem, so hätten die englischen Kult-Komödianten Monty Python gescherzt, wenn ihnen keine passende Überleitung eingefallen wäre. Nun kommt der spanische Autor Santiago Díaz, der mit „Talión – die Gerechte“ einen durchaus lesbaren Thriller vorgelegt hat. Interessant ist, dass Frauen die wesentlichen Rollen spielen. Da ist die Journalistin Marta, die auf den ersten Seiten überraschend erfährt, dass sie nur noch einige Wochen zu leben habe und in dieser Zeit einen Lebenswandel vollzieht. Dazu kommt die Inspectora Daniela, die sich als Alleinerzieherin mehr mit ihrem pubertierenden Sohn herumschlagen muss, als die nötige Aufmerksamkeit für ihren Job zu finden, bis eine sonderbare Rächerin Menschen aus dem Weg räumt, für die die Justiz zu schwach war. Fasziniert heftet sie sich an die Fersen von Marta, die sich auch nicht scheut, als Rächerin eine breite Öffentlichkeit an ihren Taten teilhaben zu lassen. Grundsätzlich muss man sich wieder einmal fragen dürfen, warum 540 Seiten?

Die Story ist gut, aber sie wäre auch komprimierbar gewesen. Interessant ist, dass, wie eingangs erwähnt, zwei Frauen die tragenden Charaktere sind. Wobei der Autor davon ausgeht, dass die Gewissheit, an einem Gehirntumor erkrankt zu sein, erst einmal zu einem Bordell-Besuch motiviert, um Sex mit Gleichgeschlechtlichen zu erproben. Ansonsten zählt Santiago Díaz zu den spanischen Nachwuchshoffnungen.

Talión – Die GerechteSantiago DíazHeyne540 Seiten

Talión – Die Gerechte

Santiago Díaz

Heyne

540 Seiten