Im Künstlerleben sind schwierige Ehen ergiebig

Tage mit Gatsby
Joséphine Nicolas
Dumont
413 Seiten
Eine der wohl impulsivsten Beziehungen war die zwischen
John F. Scott Fitzgerald und Zelda Sayre, auch literarisch.
Romane Man muss sich das so vorstellen: Die 1920er-Jahre begannen wie ein Wirbelsturm, als ob sie alle Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg und die mageren Jahre auszulöschen versuchten, und es sollte vor allem eines gelingen: das Leben unendlich unvernünftig zu genießen. Eine der Figuren, die es hier im Schleudergang in die Welt katapultierte, war John F. Scott Fitzgerald. Er war so etwas wie der literarische Spiegel der damaligen Lost Generation. Während jedoch sein Zeitgenosse Ernest Hemingway über ein Vierteljahrhundert den Ton angab, war es Fitzgerald tatsächlich nur eine Dekade lang gegeben, in aller Munde zu sein, so etwas wie ein literarischer Popstar, auch thematisch gesehen, ohne dass es das Genre Pop damals schon gab. Sein größter Hit wurde nach seinem Tod bis heute immer wieder neu aufgelegt: „The Great Gatsby“. Der Gatsby ist nach wie vor der Inbegriff der vielen hellen und dunklen Fragmente des American Dream und einer sich äußerst lustvoll überbordenden Gesellschaft. Er gehört zum Allgemeingut der amerikanischen Lebenskultur, zuletzt 2013 erfolgreich mit Leonardo DiCaprio verfilmt.
Der beschwingte Untergang
Wenn John F. Scott Fitzgerald der Kapitän seines Lebens war, war seine Frau Zelda Sayre zumindest der erste Offizier oder der Steuermann. Die beiden erlebten in ihrer Künstlerehe einen anhaltenden hohen Seegang, dem nur selten ruhige Tage folgten. Zelda wollte ebenso künstlerisch tätig sein, als Frau in den 1920er-Jahren schwer genug, erfuhr sie von ihrem berühmten Ehemann jedoch kaum Unterstützung, eher noch das Gegenteil – als seine Muse hatte sie jedoch eine hohe Bedeutung. Die Autorin Joséphine Nicolas porträtiert nun die Zeit der Fitzgeralds in Paris, fernab der Prohibition und der moralischen Zwänge in den Staaten. Dabei denkt sie sich in die Rolle der Zelda. „Tage mit Gatsby“ heißt der Roman, der nun vorliegt.
Die Zeit ist wunderbar eingefangen, auch literarisch. Nicolas denkt sich sehr gekonnt in die Personen und kristallisiert die schwierige Beziehungssituation heraus. Scotts Narzissmus kommt ebenso ans Tageslicht wie Zeldas Labilität. Glaubt man dem Roman, muss man wirklich einige Male schlucken und fragt sich, warum Zelda sich nicht rechtzeitig aus der Beziehung verabschiedete. „Tage mit Gatsby“ beleuchtet eine äußerst schwierige Künstlerehe mit schlechtem Ausgang auf beiden Seiten. Ein beschwingter Untergang sozusagen. Die Einschätzung, was aus Zelda geworden wäre, hätte sie sich auf eigene Beine gestellt, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
Krach ohne Ohrensausen
Auch jung, aber jung am Ende des letzten Jahrtausends kann man mit Tijan Sila sein. „Krach“ heißt sein Provinzroman über Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in der Pfalz um die Häuser ziehen. Im Mittelpunkt steht der 18-jährige Gansi, der es noch kurz vor dem Abitur in einer Punkband schön krachen lässt. Dazu kommen klassische Beigaben wie Bandenkriege, hohe Ideale, schlecht besuchte Konzerte und eben die Heranreifung. Spannend macht es der Roman, dass hier tatsächlich Provinz im besten Sinne gelebt wird. Einmal mehr zeigt sich, dass Jugendzentren abseits der Großstädte eine wichtige Funktion haben. Die Migrationsgeschichte des Hauptcharakters machen „Krach“, ohne zum Sozialporno auszuarten, zu einer runden Sache. Manchmal sind die Seiten wirklich so belanglos wie das Leben halt sein kann, manchmal ist man fast zu Tränen gerührt, und manchmal lacht man drauflos.

Krach
Tijan Sila
Kiepenheuer & Witsch
268 Seiten