Appell gegen Gleichgültigkeit

Kultur / 04.06.2021 • 22:13 Uhr
„Ihr seid bereits eingeschifft“ von Silvia Costa wurde als Kooperation des Landestheaters und der Festspiele am Freitag an verschiedenen Orten in Bregenz uraufgeführt. LT/KOEHLER
„Ihr seid bereits eingeschifft“ von Silvia Costa wurde als Kooperation des Landestheaters und der Festspiele am Freitag an verschiedenen Orten in Bregenz uraufgeführt. LT/KOEHLER

Das Projekt “Ihr seid bereits eingeschifft” öffnet einen anderen Blick in die Landschaft.

Bregenz Johanna, fünf Jahre alt, mag die Farbe Violett. Den Himmel malt sie mit festem Strich, während die Oma und die Mama erst einmal ein tiefes Blau für den See wählen und etwas Orange für jene Häuser, die das Ufer säumen. Die vierte Etappe des Projekts “Ihr seid bereits eingeschifft” führt zu einem der Produktionspartner, dem Kunsthaus Bregenz bzw. in dessen Sammlungsschaufenster im danebenliegenden Gebäude. Vertreter dreier Generationen sollen eine Landschaft malen, Scheu vor dem weißen Grund gibt es nicht. Während die Besucher durch das Fadengitter blicken, nimmt das Bild Gestalt an. Es ist ein berührender Akt in jenem Vierteiler, für den die italienische Regisseurin und Performerin Silvia Costa vom Vorarlberger Landestheater freie Hand bekam nachdem ihre Sicht auf Becketts “Spiel” samt dessen Fortsetzung vor zwei Jahren hier so gut gelang.

Opernfreunde bringen Costa auch mit der letzten “Salome” der Salzburger Festspiele in Verbindung oder spitzen bereits auf den Münchner “Tannhäuser”, an dessen ästhetischer Umsetzung sie mitwirkt. “Ihr seid bereits eingeschifft” liegt kein Libretto zugrunde und der Satz aus den “Pensées” von Blaise Pascal ist nicht mehr als ein Anhaltspunkt.

Politische Dimension

Angesichts der Landschaft am Seeufer sah sich Costa mit der Frage nach der eigenen Position in der momentanen Situation konfrontiert und gibt diese an die Betrachter weiter. Dabei ist sie so wenig fordernd, dass das Erfahren der politischen Dimension des Stücks sehr stark von den individuellen Assoziationen abhängt bzw. von der Möglichkeit der Besucher, sich ihrer humanistischen Bildung zu besinnen. In der Theaterbox am Kornmarkt, der dritten Etappe, sind Satzfetzen aus dem Prometheus-Text nach Aischylos vernehmbar, während sich ein Akteur durch den Sand schleppt. Der von Zeus bestrafte Menschenfreund hat diesen das Feuer gebracht, dabei aber auch deren Selbstüberschätzung vorangetrieben. Im Panoramaraum im Vorarlberg-Museum, der zweiten Etappe, befreit sich ein Wesen beim Blick in die Weite von seiner Last. Am stärksten narrativ ist der Start im Seestudio des Festspielhauses. Zur meditativ-minimalistischen, von Johannes Hämmerle dargebotenen Orgelkomposition der jungen Amerikanerin Kali Malone lockern Tänzerinnen im Priesterhabit Knoten an Seilen, die sie dann zum Läuten von Glocken verwenden bevor sie im maritimen Umfeld zum Einsatz kommen. Ein Mann liegt angeschwemmt am Ufer. Später wird er von den wie aus einem berühmten Hodler-Bild entstiegenen, mittlerweile in Blaugrün Gewandeten umkreist. Hier taucht dann auch ein Pfeil auf. Vielleicht jener, mit dem Prometheus schließlich erlöst wird?

Vom Panoramaraum des Museums war bei der Premiere am Freitag schon der “Rigoletto”-Ballon auf der Seebühne sichtbar. “Ihr seid bereits eingeschifft” ist eine Kooperation von Festspielen und Landestheater. Es ist ein brillant gesetzter Auftakt des Programms, der mit Schönheit und Stille konfrontiert und für den, dessen Sensibilität es zulässt, eine Realität hervorruft, in der Menschen sterben, weil es andere gleichgültig lässt.

Appell gegen Gleichgültigkeit
Appell gegen Gleichgültigkeit

Weitere Aufführungen am 5. und 6. Juni, jeweils ab 16 Uhr, sowie vom 13. bis 15. August im Rahmen der Bregenzer Festspiele: landestheater.org, bregenzerfestspiele.com