Eine Menge Holz

Kultur / 28.05.2021 • 18:27 Uhr
Die Künstler spüren dem Wald in seinem gegenwärtigen Spannungsverhältnis zwischen Kultur- und Naturraum nach. Rainer/Bildrecht
Die Künstler spüren dem Wald in seinem gegenwärtigen Spannungsverhältnis zwischen Kultur- und Naturraum nach. Rainer/Bildrecht

Anna M. Kramm und Max Seibald wagen sich im Bildraum ins „Unterholz“.

Bregenz Dem Wald als Sinnbild der Unberührtheit und der unendlichen Natur wurde in den letzten Jahren durch Rodung und Umweltzerstörung immer mehr kultivierte Fläche abgerungen. Eine Entwicklung, die Fragen aufwirft. Fragen vor allem nach der künftigen Koexistenz von Mensch und Natur, meint Max M. Seibald (1968) mit dem Verweis auf seine „hollow shapes“-Skulpturen, welche er in der aktuellen Ausstellung im Bildraum in Bregenz zeigt. Unter dem Titel „In the undergrowth“ spürt er gemeinsam mit seiner Künstlerkollegin Anna M. Kramm (1969) dem Wald in seinem gegenwärtigen Spannungsverhältnis zwischen Kultur- und Naturraum nach und begab sich dafür buchstäblich ins „Unterholz“.

Diesem nähern sich beide Künstler auf differente und zugleich miteinander korrespondierende Art und Weise. Denn dort, wo Seibald das Material für seine subtil anmutenden Holzskulpturen findet, sucht Kramm in ihren Bildern nach der verborgenen Archaik des Waldes. So spricht aus den von Kramm eigens für diese Ausstellung geschaffenen Bildern nicht der Sehnsuchtsort, nicht das Idyll, vielmehr lassen sich Orte der Bedrohung, der Unwirklichkeit und der (Wald)Einsamkeit erahnen. Linien, Formen, Flecken aus dunklem Ölpastell oder Graphit ziehen den Betrachter in eine mystische, dunkle Landschaftsform. In Kramms zeichnerischen Arbeiten verliert der Wald jegliche durch den Menschen geschaffene Künstlichkeit. Die Abstraktionen führen dabei zu suggestiven Momenten, anhand derer die Künstlerin ihr inneres Erleben sichtbar macht. So verlieren Kramms Bilder in der Abstraktion jegliche Physiognomie; vielmehr sind sie psychologisch, lösen sich in Stimmung auf und verweisen auf die Innenwelt – auf die in sich geschlossene Unberührtheit der rauen Natur.

Während bei Kramm die Reduktion auf das Natürliche durch Abstraktion geschieht, liegt die Losung für Seibald in der geometrischen Form. Der Baum selbst bildet dabei den materiellen wie konzeptuellen Ausgangspunkt von Seibalds Raumskulpturen. So wird sein künstlerischer Produktionsprozess im Grunde von der Natur initiiert, ja gar vorgegeben.

Architektonische Gebilde

Je nach Standort hat jeder Baum gewisse naturbedingte Charaktereigenschaften und Wuchsformen. Zwar übersetzt Seibald die Oberflächenstruktur des Baumes in geometrischen Formen, hält jedoch an der von der Natur vorgegebenen Grundform im Wesentlichen fest. Dabei schafft Seibald architektonische Gebilde, die auf ein Raum-Zeit-Verhältnis verweisen. Der Raum wird durch den bildhauerischen Akt der Aushöhlung erreicht, der sich gleichzeitig in der Zeit erklärt, in der fehlenden Materie der Jahresringe. Letztlich entstehen spielerisch leicht wirkende Skulpturen, die auf subtile Weise Räume besetzen, aber auch Leerstellen freigeben – eine Raumerfahrung, durch welche ein freies und kommunikatives Spiel entsteht, mit den Bildern Kramms wie auch mit dem Betrachter selbst.

Zu den Personen

Anna M. Kramm

Geboren 1969 in Kościan, Polen

Ausbildung Studium an der Akademie für Kunst und Design in Breslau bei Prof. Leszek Mickoś

Tätigkeit Bildende Künstlerin; Kuratorin internationaler Projekte; Professorin an der Akademie für Kunst und Design in Breslau

Wohnort Polen und Österreich

 

Max M. Seibald

Geboren 1968 in Lienz

Ausbildung Studium bei Michelangelo Pistoletto an der Akademie der bildenden Künste in Wien

Tätigkeit Bildender Künstler

Wohnort Österreich, Kroatien und Polen

Geöffnet im Bildraum Bodensee in Bregenz (Seestraße 5) bis 15. Juni, Di., Do. 13 bis 18 Uhr sowie Fr., Sa. 11 bis 16 Uhr.