Was hinter der schmalsten Fassade Europas entsteht

Hinter einer kleinen Fassade öffnen sich tolle Räume und die Chance für ein Kunst- und Begegnungszentrum.
Bregenz Den Namen Galerie 9und20 kann man sich gut merken. Während die Bregenzer oft achtlos am putzig wirkenden Haus Kirchstraße 29 vorbeigehen, weil es sich jahrelang mit keinem besonderen Ereignis in Verbindung bringen ließ, suchen es Touristen gerne auf. Das iPhone am Selfie-Stick hat mittlerweile zwar den Fotoapparat ersetzt, dass man vor dem schmalsten Haus Europas steht, wird aber immer noch gerne dokumentiert. Da spielt es offenbar keine Rolle, ob eine Fassade, die es gerade einmal auf 57 Zentimeter bringt, wirklich jenen Rekord hält, über den eine eigens angebrachte Tafel informiert.

Für Marco Spitzar, den bekannten Grafiker, Maler, Bildhauer und Konzeptkünstler, wäre das Treiben solcher Passanten vielleicht sogar Inspiration. In seinem umfangreichen OEuvre ist die Auseinandersetzung mit Motiven, die zu oft zu beobachtenden Handlungen oder Verhaltensweisen führen, ein Thema. Dazu braucht man sich nur seine Brezelserie anzusehen, in der das folkloristisch anmutende Gebäck an menschlichen Körperteilen oder neben Gegenständen auftaucht und die Betrachter dazu drängt zu hinterfragen, wie es überhaupt zu diesem Attribut kommt. Wer nicht so weit gehen will, erblickt ein anregendes Bildsujet. Das funktioniert nahezu immer bei den Arbeiten von Marco Spitzar (geb. 1964).
Dem Raum Leben verliehen
Aus Deutschland stammend, hat er unter anderem bei Bruno Gironcoli studiert. Nachdem ihm die Marktmechanismen im Kunstbetrieb nicht ganz geheuer waren, arbeitete er in Vorarlberg sehr erfolgreich im Bereich Design bzw. Grafik-Design und verlagert seine Tätigkeit mittlerweile wieder stärker in Richtung bildende Kunst. Ein Werkstoff, der dabei so gut wie immer zur Anwendung kommt, ist ein transparenter Klebstoff. Aus der flinken UHU-Flasche wird entnommen, was man früher Firnis nannte, und wesentlich dicker aufgetragen als jene Schutzschicht, die einem Gemälde Glanz verleihen sollte. Eingeschlossene Luftblasen und der Schritt in die Dreidimensionalität verleihen den Arbeiten Spitzars eine besondere Optik, aber auch eine Haptik.

Wer mehrere seiner Einzelfiguren oder Personengruppen abschreitet, ist erpicht darauf, Geschichten zu spinnen. Es sind – je nach Fantasiebegabung der Betrachter – Erzählungen über Einsamkeit, aber auch Selbstfindung oder über die Gefahr einer raschen Zuordnung angesichts der kontrastreichen Farbwahl. Es wäre zudem gut vorstellbar, dass sich Marco Spitzar für die Ausstattung von Theateraufführungen interessiert. Vorerst verleiht er grandiosen Galerieräumlichkeiten Leben.
Große Vorhaben
Was sich hinter der besagt schmalen Hausfassade verbirgt, ist architektonisch eine Wucht. Andreas Gaisberger, Sandra Kacetl und Klaus Feldkircher wollen hier ihre Ideen verwirklichen. Sobald die Pandemie nicht mehr gar so viel verhindert, soll der Raum 9und20 nämlich nicht nur eine Galerie, sondern ein Kunst- und Begegnungszentrum sein.
Die Galerie 9und20 in Bregenz (Kirchstraße 29) wird am 12. Mai ab 14 Uhr eröffnet. Ausstellung Marco Spitzar bis 25. Juni, Mi bis Fr 16 bis 19 Uhr, Sa 11 bis 15 Uhr.


