Zukunftsimaginationen sind geprägt von gegenwärtiger Erfahrung

Kultur / 02.05.2021 • 20:22 Uhr
Michael Weingarten spricht in Feldkirch über Stanislaw Lem. wolfgang rüter
Michael Weingarten spricht in Feldkirch über Stanislaw Lem. wolfgang rüter

Auch die Pandemie, vor der Mediziner und Biologen warnten, berührt die Literatur.

Feldkirch Michael Weingarten ist Philosoph und Mitbegründer des Hannah-Arendt-Instituts für politische Gegenwartsfragen und hat an den Universitäten Stuttgart und Marburg unterrichtet und geforscht.

 

Was hat Sie dazu bewogen, sich mit dem berühmten Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem zu beschäftigen?

Weingarten Schon als Kind habe ich „Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ verfolgt und Perry-Rhodan-Heftchen verschlungen. Als Jugendlicher bin ich dann über Stanislaw Lems Roman „Solaris“ gestolpert. In erster Linie verstehe ich mich als begeisterter Lem-Leser, der diese Begeisterung mit anderen teilen möchte.

 

Würden Sie die Fähigkeit, das Andere als unvergleichbar Anderes als besondere Qualität in der Science-Fiction-Literatur und bei Lem bezeichnen?

Weingarten Ich sehe darin eher eine besondere Qualität der Überlegungen von Lem, die so in der Science-Fiction-Literatur nicht auftaucht. Er entwickelt seine literarischen Ideen ausgehend von unserem wissenschaftlichen Wissen. Und evolutionsbiologisch ist klar, dass die uns bekannte Vielfalt von Lebensformen möglich war, aber sie musste sich nicht mit Notwendigkeit so entwickeln, wie sie sich entwickelt hat. Wie hätte sich nach Maßgabe unseres Wissens Leben ganz anders entwickeln können – und könnten wir eine solche Evolution begreifen, und könnten wir sie mit unseren irdischen Kategorien auch angemessen verstehen?

 

Wie würden Sie als Lem-Kenner seine Literatur zwischen Utopie und Dystopie verorten?

Weingarten Einerseits entziehen sich die Romane und Erzählungen Lems der klassischen Unterscheidung von Utopie und Dystopie. Denn ihm geht es um Probleme und deren Bewältigung, die mit der Raumfahrt und dem Kontakt mit anderen Lebensformen auftreten können. Andererseits neigt Lem dann doch zu Dystopien. Denn die Kontakt- und Verständigungsversuche misslingen, scheitern. Vorrangig aus zwei Gründen: Zum einen sind wir als Menschen nicht bereit zuzugestehen, dass das, was wir als „Vernunft“ bezeichnen, erst einmal nur unsere menschliche Vernunft ist, dass die Gattung der „Vernunftwesen“ mehrere Arten umfassen könnte und nicht nur die uns bekannte Art der menschlichen Vernunft. Der zweite Grund: Wenn eine Verständigung nicht in unserem Interesse erfolgt, wir unsere als vernünftig imaginierten Absichten nicht durchsetzen können, greifen wir zu Gewaltmitteln.

 

Die dystopische Literatur beherrscht derzeit dieses Genre. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Weingarten Alle Imaginationen von Zukunft, seien es künstlerische oder wissenschaftliche, sind Imaginationen, die geprägt sind von den je gegenwärtigen Erfahrungshorizonten. Auch wenn sie beanspruchen, eine ferne Zukunft zu behandeln, ist die Zukunft eine im Horizont der Gegenwart verankerte Zukunft. Dominieren in der Gegenwart also Krisenerfahrungen, werden diese künstlerisch zu Dystopien verdichtet.

 

Können Sie sich vorstellen, dass ein Zusammenhang zwischen einer Grundstimmung in der Gesellschaft mit der jeweiligen Ausrichtung der Literatur besteht? Wird die Corona-Pandemie eher utopische Literaturen anstoßen?

Weingarten Es besteht ein enger Zusammenhang von Gegenwart, Gegenwartserfahrungen und künstlerischen Gestaltungen von Zukünften. Exemplarisch verdeutlichen ließe sich dieser Zusammenhang gerade an Filmen wie etwa „Planet der Affen“ und den Remakes oder an den verschiedenen Verfilmungen von „Batman“. Da schlagen Verschiebungen und anderen Gewichtungen in den Gegenwartserfahrungen unmittelbar. Seit über dreißig Jahren warnen Biologen und Mediziner vor möglichen Pandemien, verursacht durch Umweltzerstörungen und Klima­krise. Seit zwanzig Jahren, seit SARS ist klar, dass da etwas auf uns zukommt. Aber das wollte niemand wissen. Pandemische Risiken wurden verdrängt, abgeschoben als Probleme armer Länder. Krankenhäuser und medizinisches Personal wurden immer weiter abgebaut, unter Druck gesetzt, Kosten zu reduzieren. Jetzt müssen wir endlich gegen die neoliberale Globalisierung politisch angehen, deren gravierende Folgen lange vor Corona bekannt waren. sab

Feldkircher Literaturtage zum Thema „Dystopie 2021“, 6. bis 8. Mai, Theater am Saumarkt: www.saumarkt.at