Ein früher Workaholic in Sachen Wagner

Wie der Impresario Josef „Angelo“ Neumann mit Wagners „Ring“ auf Europatournee ging.
Sachbuch Selbst eingefleischte Wagner-Fans schütteln heute verständnislos den Kopf, wenn sie den Namen Josef „Angelo“ Neumann (1838-1910) im Zusammenhang mit ihrem Idol hören. Dabei verdankte Wagner diesem Mann letztlich einen Großteil seines Bekanntheitsgrades als Komponist von Weltrang. Diese Lücke in der erweiterten Lebensgeschichte Wagners wurde nun durch eine penibel recherchierte Buchveröffentlichung des Wiener Juristen und Musikwissenschaftlers Heinz Irrgeher geschlossen. Der Autor, früher Musikkritiker der Wiener Zeitung, klapperte seit Jahrzehnten als Berichterstatter regelmäßig die Festspiele zwischen Salzburg und Bayreuth ab und machte dabei auch in Bregenz und beim zweiten Teil der Schubertiade Schwarzenberg Station. So lange, bis er vor zwei Jahren durch eine schwere Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt blieb. Für ihn kein Anlass zur Resignation, sondern viel mehr Anstoß, nun seine Studien-Diplomarbeit zu Josef Neumann in überarbeiteter Form als Buch unter dem Titel „Wagners vergessener Prophet“ zu veröffentlichen.
Das Wagner’sche Wandertheater
Wohl das wichtigste Spannungselement in dieser Geschichte ist die Tatsache, dass der Opernsänger und Impresario Neumann Jude war und damit das Gegenteil von Wagners ideologischer Weltanschauung verkörperte. Es passte auch in dieses Weltbild, dass die Rolle der Juden, denen Richard Wagner künstlerisch und finanziell so unendlich viel zu verdanken hatte, verschwiegen wurde wie auch die Verdienste Neumanns um Wagners Werke als Opernintendant in Leipzig und Paris, vor allem aber als Direktor eines von ihm initiierten Wagner’schen Wandertheaters. Mit diesem Unternehmen brachte er 1882/83 in den Kostümen und Bühnenbildern der Bayreuther Uraufführung Wagners komplette „Ring“-Tetralogie in 135 Aufführungen einem breiteren Publikum zwischen England und Italien sowie in der deutschen Provinz näher. Man folgt Irrgehers sprachlicher Brillanz durch ein Stück Zeitgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts mit zunehmender Spannung, verfolgt gebannt die Umtriebe dieses Workaholics, wie man ihn heute nennen würde. JU
“Wagners vergessener Prophet”, Heinz Irrgeher, Leipziger Universitätsverlag, 272 Seiten