Teuflisch gut, diese jungen Vorarlberger Musiker

Kultur / 05.04.2021 • 18:00 Uhr
Teuflisch gut, diese jungen Vorarlberger Musiker
Tobias Grabher mit seiner Camerata Musica Reno. VN/STEURER

Junges Ensemble erobert sich mit “L’histoire du soldat” zu Recht Terrain.

Bregenz Das war mehr als nur Zustimmung und mehr als der Jubel jener Fangemeinde, die der junge Dirigent Tobias Grabher gewiss hat und die sich die begehrten Tickets für die Aufführung von Strawinskys „L’histoire du soldat“ im Theater Kosmos sicherte. Mit der Gründung der Camerata Musica Reno macht der erst 24-jährige Vorarlberger nicht nur deutlich, dass im kleinen Bundesland mit mittlerweile einigen Orchestern, Kammerorchestern und Ensembles eine weitere Formation Platz hat, er vertritt auch die Ansicht, dass Sonderbegabungen neben ihrer Tätigkeit in diversen Jugendorchestern eine weitere Auftrittsplattform haben sollten. Das Publikum gibt ihm Recht, und dass die berühmte „Geschichte vom Soldaten“ kein Osterspaziergang ist, das dürfte Tobias Grabher, der in Vorarlberg unter anderem vom bekannten Förderer Guntram Simma im Dirigieren geschult wurde, klar gewesen sein, als er sich etwa jüngste Wettbewerbspreisträger wie Paul Moosbrugger (Klarinette) und Johanna Bilgeri (Fagott) oder den Routinier Mathias Schmidt am Schlagwerk sowie mit Xenia Rubin eine beachtenswerte junge Geigerin und mit Darius Grimmel einen tollen Kontrabassisten für die Besetzung sicherte.

Mit „L’histoire du soldat“, dem aus der Not in Kriegs- und Pandemie-Zeiten entstandenen, 1918 uraufgeführten Musiktheater in schmaler Besetzung mit vielen Zitaten aus dem weiten Musikrepertoire und reichlichem Taktwechsel, werden angehende Dirigenten gerne vertraut gemacht. Schließlich ist alles drin, womit man sich schwer tun kann, was aber auch enormen Spaß macht. Die Rhythmen und die unterschiedlichen Stile entsprechen der Eindampfung von mehreren Stunden an Material auf etwa 70 Minuten. Dazu kommen Verfremdungseffekte, Persifliertes und Jazz. Kein Wunder, dass das kleine Stück immer noch anziehend wirkt. Dem Libretto von Charles Ferdinand Ramuz, der sich bei russischen Märchen bediente, wohnt zudem ein „Faust“-Thema inne. Kurz: Ein gerade heimkehrender Soldat verkauft mit seiner Geige seine Seele an den Teufel. Er wird reich, kann dem Pakt zwar einmal entkommen, aber – wir wissen es -, die Sache geht nicht wirklich gut aus.

Nicht zu hoch gepokert

Bei der Aufführung im Theater Kosmos gibt es neben einem Bühnenrequisit, jenem Baum hinter einem Fenster aus Handkes „Wunschloses Unglück“, der nicht stört oder atmosphärisch sogar passt, nichts, was die Musik ergänzen könnte. Keine Videoeffekte, zu denen die Theaterunternehmen gerne greifen, keine Tänzer, die an sich vorgesehen wären, und auch die Sprechrollen sind nicht verteilt. Mariam Avaliani, Reinhardt-Seminaristin mit einiger Bühnenerfahrung, ist Erzähler, Teufel und Soldat zugleich und bringt die Dreifachrolle auch im Kostüm (mit leichtem Hang zum Klischee) zum Ausdruck. Dazu braucht es ordentlich Stehvermögen, Avaliani legt sich ambitioniert ins Zeug und korrespondiert bestens mit dem Rhythmus. Wenn die Stimme des Teufels dann allerdings zur Märchenhexensäuselei verkommt, wird es schwierig, da droht das Geschehen ins Komische zu kippen. Macht nichts, denkt man sich, sie fängt die Moritat wieder versiert auf, bringt gegen Ende eine gute Singstimme ein und hat neben sich ein Ensemble und einen Dirigenten, der auf Präzision bedacht ist, mit diesem Unternehmen nicht zu hoch gepokert hat, die Einsätze exakt gibt und den Spannungsbogen hält. Dass er bei der Premiere am Ende ein wenig ausleierte, dafür entschädigten wunderbare Solopartien, die im dramaturgisch wichtigen Violinklang gipfelten.

Beim Jubel des Publikums festigt sich die Erkenntnis, dass es völlig richtig ist, dass sich die ganz junge Generation nun in der Musikszene Vorarlbergs Terrain erobert. Das begeisternde Engagement von Tobias Grabher mit seiner Camerata Musica Reno unterstreicht es.