Wärmeflasche und Pullover für den Dom
Unlängst wurden zwei Skulpturen des Künstlers Erwin Wurm vor und in der Stephanskirche positioniert, eine überdimensionale Wärmeflasche, „Big Mother“, an der Südflanke der Kathedrale und ein riesiger von der Decke des gotischen Doms hängender 80 Quadratmeter großer und 300 Kilo schwerer zartlila Strickpulli als Fastentuch. Er hat während der Fastenzeit bis Ostern den Altar und dessen figürliche Darstellungen den Blicken der Gläubigen entzogen. Wurm und dem kunstsinnigen Dompfarrer Faber ging es darum, die der Kunst innewohnende Kraft zur geistigen Anregung, aber auch als Sinnbild für Wärme, Menschlichkeit, Zuversicht und Freude in einer durch die Coronapandemie besonders schwierigen und trostlosen Zeit sichtbar zu machen. Die Arbeiten werden bis 11. April zu sehen sein. Seit einiger Zeit ist auch die eindrückliche Installation „DENK MAhn MAL“ von einem StreetArt-Künstlerteam unter der Leitung von Susanne Detrüs Habarta und Peter Petrus Habarta im Eingangsbereich beim Riesentor in Erinnerung an die Opfer des Terroranschlages vom 2. November zu sehen.
Die künstlerischen Arbeiten für den Stephansdom werfen auch die Frage zum Verhältnis von Kunst und Religion auf. Die Kirche war über Jahrhunderte Finanzier und Auftraggeber für die Kunst, der Stephansdom mit seinen Kunstwerken ist ein wunderbares Zeugnis hiervon. Seit der Aufklärung entfremdete sich diese Liaison zunehmend, die Kunst wandelte sich vom Verkünder des Glaubens zu dessen Kritiker. Kritik, die wie Dompfarrer Faber versichert, aber für die Kirche und deren Erneuerung wichtig ist.
Mit seinen Kunstprojekten für den Dom befindet er sich in guter Tradition. So wurde die Galerie nächst St. Stephan 1954 von Monsignore Otto Mauer gegründet. Die Galerie bot der Kunst in einem der Avantgarde feindlichen Klima eine geistige Heimat. Sie förderte die zeitgenössische Malerei, insbesonders das Informel, und Künstler wie Oswald Oberhuber, Markus Prachensky , aber auch Arnulf Rainer, Josef Beuys und Maria Lassnig. Otto Mauer vernetzte die Galerie und seine Künstler mit der internationalen Avantgarde. 1958 versammelte er erstmals zum „ Internationalen Kunstgespräch“ ausländische Künstler und Kunsttheoretiker in der Abtei.
So kontrovers Kunst und Religion auch oft sein mögen, eines haben sie gemeinsam : Sie erheben sich über die oberflächliche Rationalität des Alltags und weisen den Weg zu einer anderen, möglichen und erhabenen Welt. Es ist diese geistige Dimension, die letztlich den Menschen ausmacht. Die Kooperation zwischen Domkirche und Erwin Wurm überzeugt. Man würde sich noch mehr fruchtbare Begegnungen zwischen Religion und Kunst wünschen.
„So kontrovers Kunst und Religion auch oft sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie erheben sich über die oberflächliche Rationalität des Alltags.“
Gerald Matt
gerald.matt@vn.at
Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.