Wie eine Rakete ohne Orientierung

Ameisig
Charlie Kaufman
Hanser
858 Seiten
Umfangreiche Bücher sind etwas Verlockendes, müssen aber nicht zwingend geistreich sein.
Romane „Ameisig“ ist ein aus der Sicht des Filmkritikers B. Rosenberg geschriebener Roman. Rosenberg ist mit sich und der Welt uneins. Diese Unstimmigkeit lässt er den Leser auf jeder Seite spüren. Immer passiert etwas, was ihm missfällt. Das unterhaltend zu nennen, wäre übertrieben, und so wirklich erleuchtet läuft man nach der Lektüre auch nicht durch die Straßen. Dann und wann mit kleinen Geniestreichen, wie zum Beispiel, dass Rosenberg seine Unzufriedenheit bezüglich „Being John Malkovich“ äußert, einem Osckar-gekrönten Film, für den der Roman-Autor Charlie Kaufman persönlich das Drehbuch zu verantworten hatte. Es passieren jedoch zu viele Insider-Geschichten in und über Filme, deren Botschaft bei durchschnittlich Film-Begeisterten verschlüsselt bleibt, bis er eines Tages auf eine Tragödie stößt: Vom verstorbenen Regisseur Ingo Cutbith sollte es einen unheimlich aufwendigen Film geben, von dem es nur eine Kopie gibt. Der Film war bis jetzt keinem Menschen zugänglich, doch diese Aufnahme ging in Flammen auf.
Eine Tragödie allererster Güte: B. Rosenberg ergreift die Möglichkeit am Schopf, um aus seiner Tristesse rauszukommen und schickt sich nun an, den Film zu erträumen und so niederzuschreiben.
Gratulation der Grafik
Der Gedanke ist so großartig wie gewagt und trotz aller Verworrenheit in sich sehr klar. Schon glaubt man in einem Film à la „Being John Malkovich“ zu sitzen. Aber jetzt sitzt man nicht im Kino und hat zur Unterhaltung den absoluten Star John Malkovich vor sich, sondern muss mit seiner Vorstellungskraft auskommen. Und das ist der Punkt, wo der Roman hinkt: Man hat weder Schauspieler noch einen Regisseur, der die Gedankenwelt Kaufmans kanalisiert oder zumindest bricht. So gesehen ist „Ameisig“ eine Rakete, die ohne Orientierung durch den Weltraum zischt, bisweilen geniale Figuren zeichnet, aber eigentlich nirgendwo ankommt. Der nun schon propagierte Vergleich mit David Foster Wallaces Roman „Spaß“, ein ebenso vielseitiges Buch, kann so nicht stattfinden. Dort wo Wallace inhaltlich die Kurve kriegt, wartet man bei Charlie Kaufman vergeblich. Vielleicht könnte man diesen Roman doch in ein Drehbuch verwandeln, um den wahren Schatz sichtbar zu machen. Gratulation gebührt der grafischen Abteilung. Die Erstauflage hat eingefärbte Seitenränder. Wahrscheinlich das bisher auffallendste Buch des Jahres.
Ein großes Ding drehen
Auch nicht leicht macht es einem Stephen Greenalls Thriller „Winter Traffic“. Ein Thriller, der in Sydney spielt. Der umtriebige Sergeant Mick Rawson wird sich bald in der Rente wiederfinden. Seine Auslegungen der australischen Gesetzengereichen nur ihm zum Vorteil, also wird die aufstrebende Polizistin Karen Millar auf ihn angesetzt. Zusammen mit dem Verbrecher und Kumpel Sutton will Rawson noch ein letztes großes Ding drehen. So viel zum klassischen Thriller-Setting. Der Roman besteht allerdings aus vielen Texten, die nur schwer ein Ganzes ergeben. Muss es auch nicht, doch dann müssten gerade in einem Thriller extrem starke Bilder zu erkennen sein, was bei „Winter Traffic“ nur ansatzweise klappt. Auch diese Mechanismen funktionieren eher im Film, siehe David Lynchs „Mulholland Drive“, ein Blick auf Hollywoods düstere Seite. Das Spiel mit dem gebrochenen Inhalt bewirkt bei einem Thriller eigentlich das Gegenteil des Erstrebenswerten: Es entsteht kein Pageturner, sondern eine gewisse Gleichgültigkeit.

Winter Traffic
Stephen Greenall
Suhrkamp
492 Seiten