Auch wenn das Leben kein Honigschlecken ist

Mein Vater, der Vogel
Christian Futscher
Czernin
112 Seiten
Christian Futscher erzeugt Lesespaß.
„Manchmal ist es so, dass ich einen Stein ins Wasser werfe und schaue, was passiert, das heißt aufs Schreiben übertragen: Ich werfe einen Satz aufs Papier und lasse mich überraschen“, erzählte der Vorarlberger Schriftsteller Christian Futscher im Rahmen einer Serie mit Autorenbeiträgen, die zum Schreiben motivieren sollen. Sein neuestes Buch erzeugt gerade aus dieser Perspektive enormen Lesespaß. Manche Bücher erzählen nämlich eine Geschichte mit dem, was nicht da steht. Eines davon ist eben „Mein Vater, der Vogel“, in dem Futscher aus Schnipseln eine Familiencollage zusammenträgt. Der Vater als zentrale Figur ist ein ewiger, manchmal trauriger Clown und Lebenskünstler; ein schräger Vogel, der eines Tages einen Abflug macht. Vieles bleibt ungesagt, und der Leser darf die Lücken selber füllen. Dabei muss man sich bei dem 1960 in Feldkirch geborenen Futscher wie immer vorsehen.
Vordergründig ist sein Buch eine Ansammlung von Erinnerungsbruchstücken, Sprachspielen, Reimen, Anekdoten und Nonsense-Witzeleien. So betätigt sich der Vater, meist zur Freude seines Sohnes, als Erbsentöter, schickt sich selbst Briefe, unterhält fremde Kinder mit Fingermonstern und glaubt an die Reinkarnation der Hauskatze als Fliege. Doch unter der Oberfläche lauert etwas Düsteres: Er hat oft kaum Geld – er ist Kellner von Frühling bis Herbst, sonst lange Monate arbeitslos – , fantasiert mit morbidem Humor und ergibt sich gelegentlich dem Rotwein.
Humor als Schild gegen die Welt
Und da ist die Mutter, die eigentlich nur in ihrer Rolle als einzige Erwachsene der Familie, als „Stoppschild“, aufscheint, mit der Aufgabe, den Vater infolge seiner Blödeleien als „Kasperl“ oder „Kindskopf“ zu bezeichnen. „Das Leben ist kein Honigschlecken“, ist einer der vielen Stehsätze des Luftikus, den die Mutter zu „Das Leben mit dir ist kein Honigschlecken“ abwandelt. Er scheint seinen Humor als Waffe und Schild gegen die Welt einzusetzen, wann immer ihm etwas Ernsthaftes zu nahe zu kommen droht, was schließlich aber misslingt. Er macht sich eines Tages davon.
Der mehrfach ausgezeichnete Roman-, Kinderbuchautor und Lyriker Futscher lebt seit vielen Jahren in Wien und ist auch als Literturvermittler tätig. Er hat in übermütiger, sparsamer Sprache ein mosaikhaftes, tragikomisches Porträt geschaffen, das seine Wirkung erst auf den zweiten Blick entfaltet.