Von der ethischen Kraft

Kultur / 22.01.2021 • 21:11 Uhr
Tänzers Söhne (li) in der Israelitengasse, um 1900.
Tänzers Söhne (li) in der Israelitengasse, um 1900.

Aron Tänzer, Hohenemser Rabbiner und Historiker, wurde vor 150 Jahren geboren: Museum plant Onlinefestakt.

HOHENEMS Vor 150 Jahren wurde Aron Tänzer geboren, der Hohenemser Rabbiner, dessen Forschungen als Historiker lange nach seinem Tod die Gründung des Jüdischen Museums inspirierten. Auf die Welt kam Tänzer am 30. Jänner 1871 im heutigen Bratislava. In ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater, der Kaufmann und Rabbiner Heinrich Tänzer, hatte die Familie bereits bald nach der Geburt des Sohnes verlassen. Seine Mutter Marie war als Weißnäherin tätig und so wuchs Tänzer auch bei seiner Großmutter Fanni Schlesinger auf.

Nach der schulischen Ausbildung, die der begabte Tänzer 1890 mit der Rabbinatsschule beendete, wechselte er zum Studium nach Berlin und widmete sich den Fächern Philosophie, Germanistik und semitische Philologie. Fünf Jahre später promovierte er in Bern über die Religionsphilosophie Joseph Albos und bemühte sich, nachdem er auch sein Rabbinerdiplom erhalten hatte, um eine Anstellung. Schon 1896 bekleidete er im ungarischen Totis die Stelle eines Hilfsrabbiners, wo er im Juni die um vier Jahre jüngere Rabbinertochter Rosa Handler heiraten sollte. In Hohenems suchte man zu dieser Zeit einen Nachfolger für den abberufenen Rabbiner Heinrich Berger und so bezog dort das frisch vermählte Paar noch im Dezember das Rabbinerhaus neben der Synagoge.

„Bildungsclub Hohenems“

Als Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde, zuständig auch für die in Tirol lebenden Jüdinnen und Juden, war Aron Tänzer nicht nur zur Abhaltung der Gottesdienste und der Erteilung von Religionsunterricht verpflichtet. Er nahm sich der Wohltätigkeitsvereine an, kümmerte sich um die Führung der Geburts-, Ehe- und Sterbematriken sowie um die Restaurierung der Grabsteininschriften am jüdischen Friedhof. Diesen Aufgaben widmete er sich mit besonderer Hingabe, wobei zunächst die Dokumentation der Grabsteine in den Fokus gerückt war. Schon 1901 veröffentlichte er die Ergebnisse seiner Friedhofsforschung, zu deren Zwecke er sämtliche noch vorhandenen Grabsteine durchnummeriert und ein Gräberverzeichnis angelegt hatte. Manche der vor 120 Jahren eingravierten Zahlen lassen sich noch heute an den Gräbern erkennen. Ganz wie sein großes Vorbild, der jüdische Reformer, Philosoph und „Völkerpsychologe“ Moritz Lazarus, bei dem er in Berlin studiert hatte, begriff Tänzer das Judentum vor allem als ethische Kraft des menschlichen Fortschritts. So gründete er den „Bildungsclub Hohenems“ und trat mit öffentlichen Vorträgen in Erscheinung. Zum Beispiel über die moderne Evolutionslehre, was ihn bald zur Zielscheibe des katholisch-antisemitischen Volksblattes machen sollte. Genüsslich verwies das Volksblatt auf Tänzers Konflikt mit dem Hausierer Joel Nagelberg, der im gleichen Jahr wie Tänzer aus Galizien nach Hohenems gekommen war, und von ihm nicht auf die freigewordene Stelle des Kantors und Vorbeters berufen wurde. Nagelberg, mittlerweile der einzige Orthodoxe in der Gemeinde, fühlte sich übergangen und hatte Tänzer gar mit Ohrfeigen gedroht. In seinen Augen war die Hohenemser Gemeinde und ihr Rabbiner einem gottlosen Liberalismus verfallen.

Tänzer beschäftigte sich bis 1905 eingehend mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde. Dabei bearbeitete er auch die handschriftlichen Aufzeichnungen des Oberlehrers Moritz Federmann sowie von Heinrich Löwengard, und schuf damit ein für die Hohenemser Familienforschung maßgebliches Werk. Verbunden mit den aktualisierten Friedhofsplänen und Abhandlungen zu Themen wie Gemeindeverwaltung, Rabbinat oder Vereine, brachte er damit auf rund 800 Seiten ein komplexes Standardwerk zu Papier. Sein Engagement wurde aber auch von seinem Freund August Reis, der bis zu seinem Ableben 1904 das Bürgermeisteramt innehatte, geschätzt. Er beauftragte den Rabbiner mit der Anlage eines Registers, wodurch Tänzer als Begründer des Hohenemser Stadtarchivs gelten kann.

Über Meran nach Göppingen

Im Mai 1905 wechselte Tänzer als inzwischen dreifacher Vater mit seiner Frau nach Meran. Dort beschäftigte er sich eingehend mit dem Nachlass seines Lehrers Moritz Lazarus. Tiefgreifende Differenzen zwischen Hohenems, Meran und Innsbruck, ob der Frage eines selbstständigen Rabbinatsbezirks für Südtirol, führten aber schließlich dazu, dass sich Tänzer um eine neue Anstellung kümmern musste. Diese fand er mit September 1907 im württembergischen Göppingen. Auch dort blieb er seinem wissenschaftlichen Anspruch treu und richtete beispielsweise eine Volksbücherei ein. Neben seinen Vorträgen war er auch weiterhin publizistisch tätig und gab etwa von 1910-1914 die „Straßburger Israelitische Wochenschrift“ heraus. 1912 verstarb seine Frau Rosa, die ihm vier Kinder hinterließ. 1913 heiratete Tänzer Bertha Strauss, die in den folgenden Jahren noch zwei Kinder zur Welt bringen sollte. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Kriegseinsatz, den er auch kurz nach der Geburt seiner jüngsten Tochter im Juli 1915 antreten sollte. In der Bug-Armee diente er schließlich bis zum Kriegsende als Feldrabbiner und war dabei meist im Gebiet um Brest-Litowsk eingesetzt. Dort arbeitete er zudem im Lazarett und richtete Volksküchen ein. Seine wissenschaftlich-publizistische Karriere setzte er aber indes unbeirrt fort. Weiterhin hielt er Vorträge, wie jenen über die „Juden in Polen“ 1916 und verfasste Bücher wie „Die Geschichte der Juden in Brest-Litowsk“.

Nach dem Krieg erarbeitete er eine Abhandlung zur „Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen“ und befasste sich mit der „Geschichte der Juden in Württemberg“. Am 26. Februar 1937, im Alter von 66 Jahren, verstarb Tänzer in Göppingen, wo sich auch sein Grabstein befindet. Darauf wird neben seiner ersten Frau Rosa auch die nach ihm verstorbene Bertha erwähnt, die 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt verhungerte. Die meisten von Tänzers Nachkommen leben heute in den USA und engagieren sich nicht zuletzt für die „American Friends of the Jewish Museum Hohenems“. Immer wieder sind sie in Hohenems zu Gast, eine Verbindung die über die Generationen hinweg weiter besteht.

Aron Tänzer beim Amtsantritt in Hohenems, 1896.
Aron Tänzer beim Amtsantritt in Hohenems, 1896.
Tänzer (Mitte) in einer Menschengruppe vor einer jüdischen Volksküche in Polen, 1916. JMH, Erwin und Uri Tänzer, USA; Stadtarchiv Göppingen
Tänzer (Mitte) in einer Menschengruppe vor einer jüdischen Volksküche in Polen, 1916. JMH, Erwin und Uri Tänzer, USA; Stadtarchiv Göppingen

Dazu erschien eine Biographie: www.oeaw.ac.at. Das Jüdische Museum Hohenems veranstaltet am 30. Jänner einen Festakt als Webinar: www.jm-hohenems.at