Berührende Momente

Menschen schildern ihre Erlebnisse mit Kunst.
Schwarzach Johannes Rausch, seit vielen Jahrzehnten als Theaterleiter und Kulturvermittler tätig, der dafür sorgt, dass Menschen (vor allem auch Kinder und Jugendliche) Teilhabe an Kunst ermöglicht wird, bringt es auf den Punkt, wenn er meint, dass er die Hoffnung hegt, dass wir keine neue Normalität brauchen werden und wir mit Hilfe von Kunst einmal wieder unser stinknormales, langweiliges Leben führen dürfen. Kunst gehören zum Alltag. Wir haben nach einem ersten Beitrag vor zwei Wochen nun weitere Persönlichkeiten in Vorarlberg aufgefordert, über ihr besonderes Kulturerlebnis oder prägende Erfahrungen mit künstlerischem Schaffen zu berichten, um die Bedeutung von Kunst zu vermitteln und lebendig zu halten. VN-cd, sab

Daniela Egger, Schriftstellerin, Kulturvermittlerin Ich werde eine der ersten Ausstellungen im Kunsthaus Bregenz nie vergessen, und dort vor allem ein Objekt – das ist der Blütenstaubteppich von Wolfgang Laib. Ich weiß nicht mehr wie oft ich vor dieser leuchtend gelben Fläche stand oder saß. Für mich schwebte der fein gesiebte Blütenstaub leicht über dem Boden. Die Wirkung dieser Leuchtkraft und die Zartheit des Materials haben mich wirklich umgeworfen. Auch alle anderen Objekte haben mich begeistert, aber diese Momente vor dem leuchtenden Gelb haben mich tief berührt. Seither liebe ich das Kunsthaus Bregenz und seine Architektur. Damals habe ich erlebt, wie tief die Verbindung sein kann, die der Raum mit dem Objekt eingeht.

tanja Kopf, beauftragte der landesregierung für frauen und gleichstellung Kultur bewegt und berührt. Das habe ich schon in meiner frühen Jugend erlebt. Ein Openairkonzert ist schon etwas ganz Besonderes. Und so wie ich älter geworden bin, hat sich auch mein Kulturgeschmack entwickelt. Ich finde, es braucht für jedes Lebensalter kulturelle Anreize und Angebote. Aus dem Openair sind das Meisterkonzert, der Bregenzer Frühling, das Theater Kosmos, das Burgtheater, die Kammgarn oder das Theater am Saumarkt geworden. Bücher gehören genauso dazu wie Kino oder Kabarett. Museen sowieso. Ohne Kultur ist alles nichts. Und wer weiß? Vielleicht treffen wir uns ja zufällig bei einem Openair?

Hubert Löffler, Obmann Netz für Kinder Selten habe ich eine Ausstellung mit so viel Ruhe und Zeit genossen wie gestern die Sammlung Essl in der Albertina in Wien: kein Gedränge, keine Lärm, kein Zeitdruck für einen weiteren Termin. Nachdem die Museen nun wieder geöffnet haben, scheinen jene dorthin zu gehen, die wirklich Interesse haben und weniger solche, die dem Mainstream folgen. Auch wenn der Cafe-Besuch danach ausbleiben musste, war es ein besonderes Kunsterlebnis dank der Corona-Krise. Wenn diese Krise uns nicht nur Leid bringt, sondern auch wieder die Achtsamkeit auf wichtige Aspekte unseres Lebens lenkt, ist sie etwas leichter hinzunehmen.

Manfred Melchhammer, Staatsanwalt, Theaterautor Immer mittwochs treffen sich die Saumarkt-Theater-Kinder zur Probe. Masken waren dabei schon vor 2020 üblich. Neu sind Händedesinfektionsmittel. Wie lichtscheue Käferlein krabbeln die SchauspielerInnen aus der Nachmittagssonne ins kühle Kellergewölbe, und verwandeln sich in Schurken, Ärzte und Märchengestalten. Im Halbjahrestakt verarbeitete die Gruppe unter bewährter Leitung eines meiner Stücke und brachte es auf die Bühne. Das war immer etwas Magisches: die Verwandlung lebloser Buchstaben in berührende Geschichten und zurückhaltender Schulkinder in mutige Piraten, witzige WissenschaftlerInnen und vorlaute Marktschreier. 2020 blieb es beim Gießen: zwei Stücke fanden aufs Papier, konnten ein wenig wachsen, aber keines durfte auf der Bühne zum Leben erweckt werden. Als hätte man eine feine Speise zubereitet, sie dampfend und duftend an geschmückter Tafel serviert und sie dann aus einer üblen Laune heraus in die Abfalltonne befördert. Welche Enttäuschung; für die Köche und die Gäste.
So bleibt 2020 eine einzige unbelohnte Probe. Und eine Metapher für unerfüllte Sehnsüchte. Weißt du noch? Das kommt mir vor wie 2020 …

Jörg Maria Ortwein, Direktor des Vorarlberger Landeskonservatoriums Kunst ist für mich unverzichtbar. Diese Aussage aus dem Mund eines Musikers dürfte kaum jemanden überraschen. In meinem Beruf hat man das große Glück, ständig besondere künstlerische Momente zu erleben. Dabei sind es nicht unbedingt die großen Dinge, die mir hier zunächst in den Sinn kommen, wie großartige Konzerte oder Inszenierungen. Vielmehr sind es die vermeintlich kleineren, tagtäglichen künstlerische Erlebnisse, unerwartet und individuell, die mich immer wieder überraschen. So erinnere ich mich noch heute an den Moment in den 1980er Jahren, als ich während meines Musikstudiums in einer Pause in der Musiksammlung der Münchner Stadtbibliothek auf eine Schallplatte gestoßen bin, auf der Mstislav Rostropovich und Sviatoslav Richter Sonaten von Johannes Brahms eingespielt haben. Diese fesselte mich derart, dass ich mich allen Aufnahmen widmete, die ich von den beiden finden konnte. Insbesondere die Ausdruckskraft Rostropovich’s begeisterte mich, nicht ahnend, dass ich ihn nur wenige Jahre später als Orchestermitglied der Deutsch-Sowjetischen Jungen Philharmonie im Rahmen einer ausgedehnten Probenphase und einer anschließenden Europatournee unmittelbar als Dirigent und Cellist miterleben durfte. Schon damals erlebte ich Kunst als eine treibende Kraft, der es gelingt, über Grenzen hinweg zu wirken und immer wieder neue Fragen zu stellen. Dabei schaffen wir Musikerinnen und Musiker es, über unsere Kunst immer wieder neue Möglichkeiten zu entwickeln. Diese Kreativität, dieses Bedürfnis, etwas Neues zu schaffen, ist es, was Kunst für mich auszeichnet und was ich in vielen Momenten wiederfinde, nicht nur in der Musik.

Johannes Rausch, Theaterleiter, Festivalleiter Glück gehabt nach dem ersten Lockdown: Den ganzen Sommer zweimal in der Woche Theater spielen zu können und von der Bühne aus eine Gemeinschaft mit dem jungen und erwachsenen Publikum gestalten zu dürfen. Das Festival Luaga & Losna im Team gemeinsam planen zu können. Die Begeisterung des Publikums und die Freude, nach längerer Untätigkeit wieder zu spielen, bei den internationalen Theatergruppen, zu erleben. Bei den Lesungen und intensiven Diskussionen der Autorenbörse im Rahmen des Festivals für Momente die bedrohliche Situation einer Pandemie vergessen zu können. Keinen Covidfall bei allen diesen Veranstaltungen zu haben. Das gibt Mut für die Zukunft. Hoffnung, dass wir keine neue Normalität brauchen werden und wir mit Hilfe von Kunst und Kultur einmal wieder unser stinknormales, langweiliges Leben führen dürfen.

Anika Reichwald, Jüdisches Museum Trotz eines vielfältigen virtuellen Angebotes mit ungeahnten Einblicken in Ausstellungen und Vermittlungsangeboten weltweit, denke ich mit Wehmut an Besuche in unterschiedlichen Ausstellungen und die dabei entstandenen Eindrücke zurück. Neben der bunten wie erschreckenden Ausstellung „Disturbing Narratives“ im Parkview Museum, Singapore oder der Ausstellung „Vision und Tradition“ des Deutschen Theatermuseums in München bleibt mir vor allem die Ausstellung „Time is out of Joint“ im Gedächtnis, die ich 2018 in Rom besuchte. Den Faktor Zeit ausklammernd, zeigte die Ausstellung Werke der Sammlung in neuen Zusammenhängen. Etwa durch ein gemeinsames Thema, die dominierende Farbe oder herausgearbeitete Formen der Kunstwerke, die aus unterschiedlichen Epochen und kulturellen Kontexten stammen, entstanden unerwartete Konstellationen.

Elke Kikelj-Schwald, Germanistin, Dozentin PH Vorarlberg Für mich, die es gewohnt ist, regelmäßig zu Kulturveranstaltungen zu gehen, fühlt sich der Lockdown an wie eine kunstfreie Blase, Schnappatmung! Gott sei Dank gibt es viele kreative Köpfe, die dieses künstlerische Vakuum dazu nutzen, neue Formen und Formate zu entwickeln. Unter dem Motto „Schabernack & Chardonnay“ lud das Kabarett „Pointen und Püree“ zu einem Event der ganz besonderen Art – ins eigene Wohnzimmer. Gemeinsam mit 90 anderen Gästen traf man sich im Zoom, gemeinsam wurde gegessen und getrunken, das 3-Gänge-Menü konnte beim Caterer bestellt und abgeholt werden. Die Veranstalterin, Heike Montiperle, führte gekonnt durch den Abend, die großartigen Beiträge der Kabarettisten strapazierten die Lachmuskeln. Nach dem Dessert durften sich auch die Gäste aktiv am Programm beteiligen und ihre Beiträge zum Besten geben. Feines Essen und Trinken kombiniert mit guter Unterhaltung.

Monika Valentin, Geschäftsführerin Offene Jugendarbeit Feldkirch Der erste Besuch mit meinem Patenkind im Theater am Saumarkt. Sie war noch recht klein. Ich erinnere mich noch gut an die großen Augen beim ersten Besuch, die Skepsis was da vorne wohl passiert. Das Atmen anhalten, wenn es spannend wurde. Die freudige Entspannung, wenn die Geschichte in einem Happy End endet. Heuer wird daraus wohl nichts. Wir müssen uns aufs nächste Jahr gedulden. Ein Konzertbesuch, alle sitzen brav auf ihren Sesseln. Ein ungewohnter Anblick bei einem Rockkonzert. Irgendwann können sich die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer nicht mehr auf den Plätzen halten. Sie stehen auf und bewegen sich langsam im Rhythmus. Die ganz Mutigen fangen an wie wild am Platz zu tanzen. Konzertbesuche mit Abstandsregeln. Das muss nicht immer so bleiben. Ein kleiner Lichtblick in der kulturellen Leere der letzten Monate.
Die Aussagen wurden im Rahmen einer Kooperation der VN mit Literatur Vorarlberg und dem Theater am Saumarkt gesammelt.