Der dichtende Stadtarzt

Stadtarzt und Dichter.
Vor 200 Jahren, nämlich am 12. Dezember 1820, wurde der Mundartdichter Caspar Hagen in der Bregenzer Rathausstraße geboren. Eine Straße war das damals allerdings noch nicht, sondern ein offener Graben, der erst 1824 mit Brettern und in den 1840er-Jahren mit Steinplatten eingedeckt wurde. Hagens gleichnamiger Vater war Schiffsmeister. Als die Bregenzer Schifffahrt in eine Krise geriet, übernahm er das Amt des Mesners in der Pfarrkirche. Der Pfarrer Anton Christoph Walser – auch ein Mundartdichter – war der Bruder von Frau Kreszentia Hagen. Sohn Caspar hat der offensichtlich klugen und lebenserfahrenen Mutter in einer Reihe von Gedichten gedacht. Eine der mütterlichen Lebensweisheiten hat Hagen nicht nur in Verse gefasst, er beherzigte sie auch für seine persönliche Lebensführung:
Doch mierket eirer Leabtag jo,
Ihr Närrle: Was ma it ka ho,
Des soll ma nit verlange.
Dessen eingedenk hat Hagen seinen jugendlichen Ehrgeiz, ein im hochdeutschen Raum anerkannter Poet zu werden, früh aufgegeben. „Schon während der Universitätsjahre“, schrieb einer seiner Studienkollegen, „war er zur Erkenntnis gekommen, dass er nicht das Zeug habe, um den hochdeutschen Parnaß zu erklimmen.“ Umso intensiver widmete er sich nun seinem Studium. Seine dichterischen Ambitionen schraubte er zurück und beschränkte sich zunehmend darauf, im Idiom seiner Heimatstadt Land und Leute zu beschreiben, Begebenheiten mit Humor, selten mit Schadenfreude festzuhalten sowie Schnurren und Anekdoten in wohlklingende Verse zu gießen und mit einer Pointe enden zu lassen. Der erste Band seiner „Dichtungen in alemannischer Mundart aus Vorarlberg“ erschien 1872, da war Caspar Hagen schon seit elf Jahren Stadtarzt von Bregenz und bereits 52 Jahre alt. Zwei weitere Gedichtbände folgten in den Jahren 1874 sowie 1878.
Sein Weg zum Mediziner war weder vorgezeichnet noch einfach. Nach dem Abschluss der Pflichtschule nahm Hagen die Stelle eines Schreibers im Bregenzer Rentamt (Finanzamt) an. Sein Onkel, der Stadtpfarrer, ermöglichte dem bildungshungrigen Neffen, dass dieser als 22-Jähriger in die vierte Klasse des Feldkircher Gymnasiums eintreten konnte. Den nötigen Lateinunterricht hatte er ihm selbst gegeben. „Der schon bärtige junge Mann“, erinnerte sich der Klassenkollege Zacharias Lecher, später Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“ und Wiener Stadtrat, „musste sich neben uns halbflügge Knaben in Feldkirch auf die Schulbank setzen.“ Im Frühjahr 1848, als in Wien die Studenten auf die Barrikaden gingen, legte Hagen in Görz die Reifeprüfung ab. Da die Universität Wien im Zuge der Revolution geschlossen wurde, begann der Bregenzer sein Medizinstudium in München. Aus dieser Münchner Zeit stammt eines der eindruckvollsten Gedichte von Caspar Hagen. In „Der Kinderhimmel“ schildert er in wehmütigem Grundton die unbeschwerte Kindheit von Bregenzer Buben im Vormärz. Heute ist dieses Gedicht weniger von seiner poetischen Gestaltung als vielmehr als sozialgeschichtlicher Einblick von Interesse. Die zahlreichen, heute großteils verschwundenen Spiele, die hier beschrieben werden, erinnern an Pieter Bruegels Gemälde „Kinderspiele“. Hier wie dort unterhalten sich die Kinder ohne viel Gerätschaft und unter freiem Himmel in fröhlichem, freiem und bisweilen auch derbem Spiel. Für die Erforschung historischer Kindheiten böte sich hier ein weites Feld. In diesem frühen Gedicht zeigt sich eine wiederkehrende Tendenz in Hagens dichterischem Schaffen: Immer wieder versuchte er durch seine Gedichte, Verschwundenes zu bannen.
Als die Habsburger den Aufstand des Jahres 1848 niedergeschlagen und die Universitäten wieder absolutistisch reorganisiert hatten, mussten die Studenten aus dem Ausland zurückkehren, wenn sie ihre Abschlüsse in Österreich anerkannt sehen wollten. So wechselte der Medizinstudent Hagen nach Wien und schließlich nach Prag. Hier in der böhmischen Hauptstadt ist 1855 das berühmte Heimwehgedicht „O Hoamatle“ entstanden, das 86 Jahre später von der nationalsozialistischen BDM-Führerin Anna Seeber für die Mädchen ihres Sommerlagers vertont wurde und nach 1945 zu einer Art heimliche Landeshymne avancierte.
Ende 1855, kurz vor Hagens Promotion zum
Doktor der Medizin, wurde der angehende Arzt schwer gefordert und mit Krankheit und Tod konfrontiert. Sein Bruder Christoph Hagen, ein höherer Postbeamter in Wien, und dessen Frau erkrankten und starben an Cholera und hinterließen zwei kleine Kinder. Zusammen mit deren aus Oberösterreich stammenden Hausangestellten Anna Brandstätter organisierte der angereiste Bruder die Haushaltsauflösung und die Verbringung der Waisen zu Hagens Schwester nach Bregenz. Dabei hat er die junge Frau als tüchtig und liebenswürdig kennen und schätzen gelernt. Fünf Jahre später wurde sie seine Ehefrau. In den folgenden Jahren richtete Anna Hagen das kleine verwinkelte Elternhaus ihres Gatten so wohnlich und behaglich ein, dass dieser öffentlich erklärte, er würde sein Heim nicht „gegen ganz Samarkand“ eintauschen.
Nach seinem Studienabschluss und der Rückkehr aus Prag erhielt Hagen eine Stelle als Gemeindearzt in Hard. Hier lernte er den Pädagogen und Schriftsteller August Wilhelm Grube kennen, der bei der Fabrikantenfamilie Jenny als Hauslehrer wirkte, später nach Bregenz übersiedelte und den ersten Reiseführer für Bregenz verfasste. Ihm blieb er zeitlebens freundschaftlich verbunden.
Als 1861 die Stelle des Stadt- und Spitalsarztes von Bregenz neu zu besetzen war, erhielt Dr. Caspar Hagen den Zuschlag. Der Doktor, der in seiner Jugend hochfahrende Pläne geschmiedet habe, so vermerkte der bereits genannte Mitschüler Lecher nicht ohne leichten Spott, sei nun „ins Philisterium nach Bregenz“ gekommen. Tatsächlich hatte Hagen nun seine berufliche Bestimmung gefunden, einen Hausstand gegründet und sich einen Status in der kleinstädtischen Gesellschaft erworben. Wöchentlich traf er sich nun mit der sogenannten Montagsgesellschaft „Beim Goldenen Neubeck“. Mit in der frohen Runde waren Kaufleute und Handwerksmeister sowie das Wirteehepaar Bechter. Viele Erzählungen und Begebenheiten, die an diesen Abenden aufgetischt wurden, sind später zu Vorlagen für Hagen-Gedichte geworden. Nicht nur in dieser Runde war Dr. Hagen „eine allgemein geachtete und beliebte Persönlichkeit“, wie es in einem Nachruf hieß.
Unmittelbar neben dem Stadtspital in der Bregenzer Oberstadt wurde von einem mutigen Buchdrucker 1863 mit der „Vorarlberger Landes-Zeitung“ das erste täglich erscheinende Presseorgan herausgegeben. Als Redakteur engagierte der Zeitungsmacher den Doktor von nebenan, um dessen sprachliche Fähigkeiten er wusste. Diese Tätigkeit dauerte aber nicht allzu lange, da sie neben dem anspruchsvollen Beruf nicht zu leisten und der dichterischen Berufung hinderlich war.
Bereits zu Hagens Lebzeiten wurden seine Gedichte, besonders im Vorarlberger Unterland, viel gelesen und einzelne zum rezitierbaren lokalen Bildungsgut. Ins 20. Jahrhundert hinübergerettet wurden die Hagen-Gedichte durch eine 1921 erschiene Auswahl, die vom Felder-Verein herausgegeben wurde. Das Cover dieser vom Bregenzer Germanisten Emil Allgäuer besorgten Ausgabe verdeutlicht bereits die Richtung der damaligen und späteren Rezeption. Caspar Hagen wird zunehmend als Idylliker gesehen, der die gute alte Zeit im originalen Dialekt beschreibt. Damit wurde die Breite seines Werkes eingeengt und eine kritische Auseinandersetzung beendet. Aber viele Stoffe, die Hagen aufgriff, waren durchaus zeitkritisch und viele Verse ziemlich holprig. Daneben aber finden sich Gedichte mit eindrucksvollen und pfiffigen Zeilen, in denen Inhalt und Form meisterhaft zu einer Einheit verschmolzen wurden. Auch Verse, in denen das Lautmaterial die Stimmung verstärkt, gelingen ihm immer wieder. Das Gedicht „Morgenstund hat Gold im Mund“ beginnt mit einer solchen Lautmalerei, indem die endende Nacht durch dunkle „a“ und der aufgehende Tag durch hellere „e“ spürbar werden:
Ageth, as taget und heallet am See!
Mädle stand uf ietz und mach de Kaffee!
Mit zunehmendem Alter und schmerzhaftem Magenleiden wurde der humorvolle Erzähler – viele seiner Gedichte sind in Verse gefasste Erzählungen – in seinem Ton düsterer und nachdenklicher. Im Gedicht „Der alte Sänger“ blickte er ohne Wehleidigkeit, aber doch einer Dosis Bitterkeit auf sein Leben zurück:
I ho so menga Erger g‘schluckt;
Doch klag‘ i nit und säg‘ koa Wort.
As ist sit je a so; ma druckt
D‘ Citrone us und wirft se fort.
Am 22. März 1885 teilte die Landes-Zeitung, deren erster Redakteur er gewesen war, mit, dass Dr. Caspar Hagen, „früher ein fröhlicher und gerngesehener Gesellschafter“, seit einiger Zeit „in stiller Zurückgezogenheit“ gelebt habe und nun verstorben sei.
Wie lange das einst regional hochgeschätzte dichterische Werk seinen Autor noch überleben wird, bleibt fraglich. Die Chancen stehen nicht allzu gut. Verhältnisse und Dialekt haben sich zu sehr verändert und der Blick auf die Welt hat sich erweitert. Einige von Hagen scharf beobachtete und bündig beschriebene typisch menschliche Verhaltensweisen scheinen allerdings zeitlos; und sind mittlerweile per Internet abrufbar.

dorthin zuständigen Kranken.

Blumenstrauß aufgemacht.