Den Verfolgten eine Stimme gegeben

Kultur / 20.11.2020 • 17:12 Uhr
Die SommerRonya OthmannHanser288 Seiten

Die Sommer

Ronya Othmann

Hanser

288 Seiten

Beim Bachmannpreis hat Ronya Othmann das Pubikum überzeugt.

Roman Ein Teil der Jury beim Bachmannpreis hatte im vergangenen Jahr Hemmungen, über den Text von Ronya Othmann zu urteilen. Die 27-jährige Autorin las einen Bericht über den Völkermord an den Jesiden durch die Terrormiliz IS vor. Einen Text über Genozid wolle sie nicht kritisieren, sagte ein Jurymitglied danach, und es entspann sich eine Diskussion über Authentizität, Zeugenschaft und Unsagbarkeit. Othmann gewann den Publikumspreis. Nun ist ihr Debütroman erschienen: die souverän erzählte, melancholische Geschichte der jungen Leyla, die zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen ist.

Leyla lebt mit ihrem jesidisch-kurdischen Vater und einer deutschen Mutter in Bayern. Jede Sommerferien fährt die Familie nach Nordsyrien, um ihre Verwandten zu besuchen. Mit ausschweifender Sorgfalt berichtet die Autorin von den Erinnerungen, die sie an diese Ferien hat. Von den einfachen Hütten, den Feldern, den Hühnern. Allen voran von ihrer arbeitsamen und liebevollen Großmutter, die das familiäre Leben zusammenhält. Doch immer, wenn sich Leyla wieder im Dorf eingelebt hat, muss sie zurück. Sie ist eine zwischen zwei Kulturen zerrissene junge Frau. Plötzlich sind die Sommer für Leyla bei ihren kurdischen Verwandten vorbei. “Saßen sie beim Mittagessen oder bewässerten am späten Nachmittag den Garten, stellte sich Leyla vor, bald träte eine Katastrophe ein”, heißt es an einer Stelle. “Sie wusste, Katastrophen konnten plötzlich kommen, wie damals vor vielen Jahren, als der Vater der Großmutter im Schatten eines Baumes gelegen hatte und Mittagsschlaf machte und Männer kamen und ihn töteten.”

Reduzierter Erzählstil

Leyla hat riesiges Mitgefühl mit ihren kurdischen Verwandten. Die Trauer, nichts tun zu können, aber etwas tun zu wollen, wird greifbar. Gleichzeitig ist Leyla auch eine deutsche Jugendliche. Aus der Gleichzeitigkeit von deutschem Teenager- und Studentinnen-Leben und den Erzählungen des Krieges entfaltet sich eine zerreißende Energie. Die Hilflosigkeit der Protagonistin schreit einem entgegen. Dafür braucht Othmann nicht viele Worte, ihr Erzählstil ist reduziert. Leylas deutsche Freundinnen verstehen ihre Verzweiflung nicht, interessieren sich nicht für das Geschehen in Syrien. Da ist es folgerichtig, dass Leyla zur Erzählerin werden muss, um ihrer Trauer Raum und den politisch Verfolgten eine Stimme zu geben. Den Lesern bringt sie damit die verdrängte Geschichte einer Minderheit nahe.