Du bist gemeint

Ein fiktiver Dialog über ein schwerwiegendes Erbe und das einfache Jetzt.
„Angenommen, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, wie Gottfried Wilhelm Leibniz vor 350 Jahren postuliert hat“, sagt er und setzt sich auf eine der Stufen am Bregenzer Molo. Der See liegt vor ihm und spiegelt den silbernen Himmel wider. „Angenommen, es könnte alles weit schlimmer sein. Angenommen, wir hätten, als Menschheit, als Kollektiv, immer die beste aller möglichen Entscheidungen getroffen,“ er sieht sich um, ob sie ihm zuhört. Er ist nie ganz sicher, ob sie sich langweilt, oder ob sie nachdenkt, wenn sie nicht antwortet. Sie nickt. „Müsste die Welt dann nicht anders aussehen?, fragt er, in der Hoffnung auf eine Antwort von ihr.
„Was meinst du?“ fragt sie.
„Naja, sähe die Welt heute so aus, wenn Leibniz recht gehabt hätte? Er ist immerhin seit 304 Jahren tot, wir hätten also Zeit gehabt, immer wieder die beste aller möglichen Entscheidungen zu treffen, um in der besten aller möglichen Welten zu leben. Oder nicht?“
„Hast du eine Krise?“ fragt sie und zieht ihre Sandalen aus. Dann schreitet sie im knöcheltiefen Wasser mit langsamen Schritten die Stufe entlang, darauf bedacht, nicht auszurutschen und ins Wasser zu fallen.
„Habe ich eine Krise….,“ sagt er leise. „Nein. Mir geht es gut. Ich lebe in der besten aller möglichen Welten. Du etwa nicht?“
„Meinst du die großen Dinge oder die Kleinen?,“ fragt sie, ohne ihn anzusehen.
„Meinst du die Regenwaldabholzung, die Meeresverschmutzung, die beschissenen Atomkraft-Technologien, die einem schlichten Erdbeben nicht standhalten, meinst du die Auslöschung der Artenvielfalt …? Den Sozialabbau? Oder meinst du dein Philosophie-Studium, das dich verwirrt, oder das leere Konto?“
Er lacht. Gut, zumindest hat sie zugehört, auch wenn der Regenwald in der Zeit, die sie für die beiden Sätze brauchte, um zwei weitere Fußballfelder geschrumpft ist. Immerhin hört sie zu.
„Angenommen, darum geht es gar nicht“, sagt sie und geht zwei Stufen tiefer ins Wasser. Ihren Rock lässt sie hängen, es macht ihr nichts aus, dass er nass wird.
Was für ein cooles Mädchen, denkt er sich und ist kurzzeitig sehr glücklich. Weil er derjenige ist, der mit ihr an den Stufen des Molo sitzt und ihr zusehen darf, wie sie ihre Arme ins Wasser taucht.
„Das sechste Sterben ist in vollem Gang, und wir bemerken es nicht, oder nur am Rande. Wir kapitulieren vor der Flut von Plastikverpackungen im Supermarkt und denken über eine Kreuzfahrt nach,“ sagt er und hofft auf ein Lächeln von ihr. Das Buch „Das sechste Sterben“ liegt auf ihrem Tisch neben dem Sofa, mit Lesezeichen. Sie erwähnte es zwar nicht, aber er hat es sich besorgt und es ebenfalls gelesen. Heimlich. Jetzt ist der Moment, ihr zu zeigen, dass sie auf derselben Wellenlänge liegen.
„Wir sollten viel deutlicher Widerstand leisten,“ sagt er.
Aber sie reagiert nicht auf seine Anspielung.
„Es gibt gute Gründe, sich vor den nachfolgenden Generationen zu schämen,“ sagt sie stattdessen.
„Moment, WIR sind die nachfolgende Generation. Wir stehen vor einem beschissen großen Problem und keiner gibt uns eine Gebrauchsanweisung. Wofür willst du dich denn schämen? Dass wir geboren sind?“
„Ja, warum nicht? Das ist zumindest mit ein Grund, weshalb die Erde in dem Zustand ist, oder? Diesmal sind weder ein Komet noch eine Naturkatastrophe die Ursache für das Verschwinden unserer Nahrung – der Mensch ist es. Der Mensch hält die Kettensäge in der Hand, der Mensch hält Massentierhaltung für eine gute Idee, und Gift auf den Äckern und damit auf unserer Nahrung ebenso. Wir verlieren unseren Boden in großem Stil, da geht es nicht mehr um einzelne Kriege und die Opfer, die darüber zu beklagen sind.“
„Heißt das, du willst keine Kinder?“ Er ist selbst überrascht über den emotionalen Ton in seiner Stimme, und auch sie dreht sich erstaunt zu ihm um.
„Also, ich meine nicht du… persönlich. Ich wollte die Frage stellen, ob du es falsch findest, Kinder zu bekommen?“
Wortlos lässt sie sich rückwärts ins Wasser fallen. Er springt auf und eilt die Stufen hinab. Er hasst Wasser. Er weiß, dass er jetzt hinein muss, weil er sonst in ihren Augen langweilig wirkt. Schon steht er bis zu den Schenkeln im Wasser, seine Hose saugt sich voll, er hat wirklich große Angst, ihr weiter zu folgen. Er sieht ihr zu, wie sie trotz der Kleider in großen Zügen hinausschwimmt.
Er bleibt zurück. Sein kurzes Glück von vorhin ist dahin. Sie wird ihn immer wieder zurücklassen, er kann es an den kräftigen Schwimmzügen sehen, und daran, wie sie den Kopf unter Wasser taucht. Sie fürchtet sich vor nichts. Er setzt sich wieder auf eine der Stufen und streift das Wasser aus den Hosenbeinen, die an seiner Haut kleben. Es dauert lange, bis sie wieder an Land klettert und glücklich eine Haarsträhne aus der Stirn streicht.
„Was meinst du mit Widerstand leisten?“ fragt sie belustigt. „Wie geht Widerstand um viertel nach zwölf?“
„Die wahren Ursachen von burn out und Depression sind nicht die Beschleunigung und Überforderung der modernen Arbeitswelt. Es ist der Verlust der Zukunft. Die Menschen waren früher überzeugt davon, durch den Fortschritt oder auch durch Revolution ein besseres Leben zu schaffen. Heute glaubt das niemand mehr, nicht im Westen jedenfalls.“
Sie liegt zu seinen Füßen in der Sonne und lächelt.
„Was glauben die Menschen stattdessen?“
„Sie glauben, es gäbe zumindest noch die Chance, den status quo aufrecht zu erhalten. Aber das gleichzeitige Wegfallen eines erstrebenswerten Ziels in der Zukunft und der Druck, wenigstens den erreichten Lebensstandard nicht zu verlieren, ist eine giftige Mischung, sagt Hartmut Rosa. Ich glaube, er hat recht.“
„Im Bodensee ist eine hohe Konzentration von Antidepressiva nachweisbar. Durch die Abwasser kommt alles in den Kreislauf, auch alle Drogen und Medikamente, die die Menschen in der besten aller möglichen Welten brauchen. Du solltest eine Runde schwimmen“, sagt sie süffisant.
„Ich weiß, du hältst mich für unsportlich,“ sagt er, leicht verletzt.
Sie setzt sich auf und sieht ihn an.
„Wir sollten einen Baum pflanzen,“ sagt sie.
„Warum?“
„Aus psychologischen Gründen, weil es uns gut tut. Aus Egoismus also. Und wenn wir die Größe unseres Egos betrachten, dann wird ein einziger Baum nicht genügen. Es müssten schon zwei Millionen Bäume sein oder so was in der Art.“
Er lacht. „Du willst aus purem Egoismus die Welt retten!“
„Die Welt nicht, aber ein paar Bäume. Oder Tiere. Such dir was aus.“
„Du hast vorhin gesagt, angenommen, darum gehe es nicht. Weißt du noch?“, fragt er.
„Ja.“
„Worum geht es dann?“
„Angenommen, die Vorstellung, es gehe um ein gutes Leben und ein gutes Miteinander auf der Erde sei falsch,“ sagt sie leise. „Und niemand weiß worum es wirklich geht.“
„Die Vermutung drängt sich irgendwie auf,“ lächelt er.
„Vielleicht geht es nur darum, die größtmögliche Vielfalt an Erfahrungen zu machen. Als Kollektiv. Ich glaube wir sind eigentlich gedacht wie die Ameisen. Sie haben die größte Bevölkerungsdichte der Erde, auf den einzelnen kommt es nicht an. Als Kollektiv sind sie nicht zu überbieten.“
„Die größtmögliche Vielfalt an Erfahrungen“, er schüttelt den Kopf. „Unser Kollektiv gräbt sich also selbst die Nahrung und das Wasser ab, um neue Erfahrungen zu machen? Keine Ameise wäre so blöd!“
„Das wissen wir nicht. Aber sie kommunizieren. Wenn irgendwo eine stirbt, weiß es sofort der gesamte Staat. Wir werden auch immer besser darin. Zuerst die Erfindung der Sprache. Dann der Buchdruck. Jetzt Hunderte von social media Kanälen. Wir stehen kurz vor der digitalen Vernetzung des Denkens, und ob wir das gut finden oder nicht, es wird ziemlich sicher darauf hinaus laufen.“
„Zurück zum Widerstand – ich finde wir sollten …“ Sie legt ihren Arm um ihn und zieht ihn zu sich heran. Sein Herz schlägt spürbar im Hals. „Widerstehen?“
„Nein,“ er muss sich räuspern, „nicht widerstehen. Ich meine …. eine Revolution. Etwas, was diesen Wahnsinn stoppt.“
„Das ist einfach“, sagt sie und küsst ihn lange und hingebungsvoll. „Du musst zu allem Ja sagen und ganz leicht sein. Jetzt.“
„Meinst du mich?,“ fragt er leise.
Kurz bevor er neben ihr ins Wasser fällt, denkt er daran, dass jeder Widerstand vermutlich bei sich selbst beginnt. Dass er Wasser hasst und er deshalb am besten dort beginnen sollte, wo sein Widerstand am größten ist: im Wasser. Und dass er gerade sehr glücklich ist und dass dieser Umstand vielleicht der größte Widerstand ist, den er je zu leisten im Stande sein wird. Und dass er eines Tages schwimmen lernen muss, vielleicht sogar dringend, weil Mädchen wie sie es wert sind, die größte Angst zu überwinden. Jetzt sofort.

Zur Person
Daniela Egger
Geboren 1967 in Hohenems
Tätigkeit Schriftstellerin, Literaturvermittlerin, schreibt Drehbücher, Theaterstücke (Uraufführung am Vorarlberger Landestheater), Hörspiele und Erzählungen
Preise u. a. Rauriser Förderungspreis,
Preise u. a. Rauriser Förderungspreis,
Publikationen u. a. „Ein Samurai am Kriegerhorn“, „Der Steward hätte die Tür nicht öffnen dürfen“, Beiträge in Anthologien