Starke Zeitreise in die Schulzeit

Kultur / 23.10.2020 • 18:24 Uhr
DichtStefanie Sargnagel, Rowohlt256 Seiten

Dicht

Stefanie Sargnagel, Rowohlt

256 Seiten

Stefanie Sargnagel ist ohne Zweifel ein Phänomen.

Roman Mit ihren kurzen, witzigen, lakonischen Texten fand Stefanie Sargnagel auf Facebook eine rasch wachsende Anhängerschar. Von dort gelangte die Wienerin in kurzer Zeit in den etablierten Literaturbetrieb und zum Bachmann-Wettlesen nach Klagenfurt, wo sie 2016 den Publikumspreis gewann. Mit „Dicht“ ist sie nun in der literarischen Langform angelangt.

„Dicht“ ist eine Zeitreise in die Schulzeit der 34-jährigen Wienerin, die sich auch als Zeichnerin und Theaterautorin etabliert hat und gerade in einer „Dokumödie“ von Gerhard Ertl und Sabine Hiebler-Ertl vor der Kamera steht. Ihre „Aufzeichnungen einer Tagediebin“ führen ins Wien der 2000er-Jahre und bilden ein gesellschaftliches Biotop ab, das mehrfach vom Randständigen geprägt ist. Die Gymnasiastin fühlt sich vom Leistungsdruck und dem autoritären System der Schule gestresst und hängt am liebsten mit jenen ab, die bereits länger ausgestiegen sind oder einfach abgeworfen wurden: Arbeitslose und Außenseiter, Zugewanderte und Zugedröhnte, Drogenabhängige, dauerhaft Rausgeschmissene und vorübergehend Eingebuchtete. Erstaunlich ist der von ihr gewählte Erzählstil. Der ist radikal unliterarisch und unpsychologisch, aber nicht ungenau. Und auch nicht unlustig. Geradezu akribisch beschreibt sie in der Ich-Form den Alltag ihrer Hauptfigur, den „die klane Janis Joplin“ im Votivpark, in diversen Tschocherln (wo die Bestellung eines Pfirsichspritzers der Universalcode für die gewünschte Kontaktaufnahme mit dem lokalen Dealer ist) oder in Wohnungen von deutlich älteren Freunden verbringt – allen voran beim mittlerweile verstorbenen „Aids Michl“, dem sie das Buch widmet und dem sie in ihrer geistigen Entwicklung angeblich deutlich mehr verdankt als der Schule.

Abseits des Leistungsdenkens

An talentierte Schulaufsätze erinnert dennoch so manches, nicht nur die Beschreibung einer Sprachreise nach Irland. „Du funktionierst halt nicht in einem hierarchischen System“, sagt die Schuldirektorin nachsichtig lächelnd zu Steffi, die auch ansonsten nicht von wirklich großen Dramen zu berichten weiß. Über der Geschichte hängt ein Dunst aus Alkohol und Grind, aber nicht von Sex und Gewalt: Weder harte Drogen noch aggressive Männer bringen die Protagonistin in Bedrängnis. Selbst Situationen, vor denen Eltern ihre Töchter damals wie heute eindringlich warnen, übersteht sie mit einer Art traumwandlerischer Sicherheit und naiver Abenteuerlust. Es herrscht ein Geist friedlichen Hippietums, es wird diskutiert und miteinander geteilt, die Ahnung einer gesellschaftlichen Utopie abseits des verordneten Leistungsdenkens liegt über dem meist recht relaxten Treiben. Zwischen der geballten Atmosphäre gibt es auch immer wieder jene Sätze, die Sargnagel, die eigentlich Sprengnagel heißt, bekannt gemacht haben. Es sind Sätze wie: „Ich fühlte mich, wie meistens in dieser Zeit, unbesiegbar und gleichzeitig verloren.“ Scheint ein gutes Gefühl zu sein.