Pfeilschnell in die Luft davon

Kultur / 11.10.2020 • 06:33 Uhr

„Pfeilschnell durch die Luft davon fliegt Hatschi Bratschis Luftballon.“ Irgendwie war es wie ein Abheben, ein In-die-Luft-Fliegen. Ich glaubte, hoch über die Länder zu ziehen, all die Dinge auf der Welt von oben zu sehen. Eigentlich ganz klein, denn ich war ja hoch oben, aber doch so, dass ich alles sehen konnte, die Mutter, die das Kind vor Hatschi Bratschi warnte, das Auto, das gerade in einen Baum fuhr, die Eisenbahn, die langsam durch die Felder zog, das Schiff, das aus dem Hafen zog und von dem die Menschen an Bord jenen im Hafen zuwinkten. So hoch konnte ich fliegen mit dem Buch „Hatschi Bratschis Luftballon“ von Franz Karl Ginzkey. Es war nicht Lesen, was ich hier konnte, es war Träumen. Und Fliegen im Traum. Ich verließ mein Zimmer, mein Bett, in dem ich mit Hatschi Bratschi lag, ich fieberte mit dem kleinen Kind, das der Hatschi Bratschi entführte, ich fürchtete mich und wollte trotzdem mitfliegen. Immer weiter, Seite für Seite. Ich wurde zum Jungen, der in diesem Luftballon von Hatschi Bratschi saß und traurig zur Erde, zum Vaterhaus schaute, das immer kleiner wurde. Ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte genau ging, ich weiß aber, dass ich mitten drin war, dass ich gegen Hatschi Bratschi kämpfte, damit wir wieder heimfliegen konnten. Und jetzt weiß ich es wieder: Hatschi Bratschi lehnte sich zu weit aus dem Korb und fiel in einen tiefen Brunnen, die Hexe Kniesebein wollte uns fassen, sie stürzte in einen Kamin. Die Geschichte ging gut aus, ich war dabei und weinte mit dem Jungen, als ihn sein Vater wieder in die Arme nahm. Kaum einmal hat mich eine Geschichte so mit sich genommen wie jene von Hatschi Bratschis Luftballon, nie mehr bin ich so schön und so gruselig geflogen.

„Ich glaube vielmehr, dass Kinder das lieben, dass sie sich in ihrer Fantasie ihre eigene Realität bilden, in der sie auch Hexen und Zauberer leicht wegstecken.“

Ich bin mir nicht sicher, dass man Hatschi Bratschi heute noch Kindern zumutet – in neuen Ausgaben sind jedenfalls Veränderungen vorgenommen: Die ganzen scheinbaren Grausamkeiten sind abgemildert –, alles angepasst eben, für heutige Kinder tauglich gemacht. Für mich war der Hatschi Bratschi im Original eine der schönsten Leseerfahrungen. Und so geht es mit manchen „alten“ Geschichten, so geht es auch mit Märchen, die viele für zu grausig, für zu brutal für Kinder halten. Ich meine das nicht, glaube vielmehr, dass Kinder das lieben, dass sie sich in ihrer Fantasie ihre eigene Realität bilden, in der sie auch Hexen und Zauberer leicht wegstecken. Kinder sind klüger, als wir glauben.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.