Mit Witz und Scharfsinn

Überraschende Entscheidung: Literaturnobelpreis für US-Lyrikerin Louise Glück.
Stockholm Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält heuer den Literaturnobelpreis. Die 77-Jährige wird damit „für ihre unverkennbare poetische Stimme“ ausgezeichnet, mit der sie „mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell macht“, wie die Schwedische Akademie bekanntgab. Sie sorgt damit ebenso wie bei der Auszeichnung des Österreichers Peter Handke im Vorjahr für eine Überraschung. Gleichzeitig ist die Ehrung der Amerikanerin zweifellos verdient – nicht umsonst hat Glück bereits zahlreiche Auszeichnungen abgeräumt, darunter der Pulitzer-Preis und der National Book Award.
„Louise Glücks Stimme ist unverwechselbar““, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, bei der Bekanntgabe in der Altstadt von Stockholm. „Sie ist aufrichtig, kompromisslos und signalisiert, dass diese Poetin verstanden werden will. Aber es ist auch eine Stimme voller Humor und beißenden Scharfsinns.“ Glücks Werk weise eine durchweg hohe Qualität auf, weshalb es schwierig sei, einen einzelnen Titel hervorzuheben. Es sei fantastisch gewesen, sich während des Auswahlprozesses durch ihre Arbeiten zu lesen.
Übersetzungen vergriffen
Nach ihrem Debüt „Firstborn“ (1968) veröffentlichte die heutige Literaturprofessorin elf weitere Gedichtbände sowie mehrere Bücher mit Essays über Poesie. Aktuell lehrt sie an der Uni Yale. Auf Deutsch sind von Glück bei Luchterhand zwei Gedichtbände erschienen: 2007 „Averno“ und 2008 „Wilde Iris“. Sie sind jedoch vergriffen. Bei dem Verlag schlug die Nachricht von dem Preis wie aus dem Nichts ein.
Ohne prunkvolle Zeremonie
Die prunkvollen Preiszeremonien, auf denen die Geehrten ihre Medaillen erhalten, finden in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht statt. Die Verleihung im Konzerthaus von Stockholm soll durch eine im Fernsehen übertragene Vergabe ersetzt werden, auf der die Preisträger aus der Ferne zugeschaltet werden.
Etwas zu anständig
In der österreichischen Literaturszene ist die neue Nobelpreisträgerin offenbar kaum bekannt. Clemens J. Setz ist eine Ausnahme. „Man kann sich sehr freuen, obwohl ich selber den Preis viel lieber an Sharon Olds oder Eileen Myles verliehen gesehen hätte“, sagte er. „Louise Glück ist mir manchmal vielleicht etwas zu anständig und instagramscreenshotpoesieartig, aber in ihren besten Gedichten entwickelt sie eine ganz eigentümliche Vitalität und lebenskluge Melancholie“, so Setz. Zuvor hatte der Autor gepostet: „Finde Louise Glück eher da gut, wo sie nicht andauernd über Antike und Persephone und Achilles und Odysseus und Telemach schreibt.“
„Sie ist kompromisslos und signalisiert, dass diese Poetin verstanden werden will.“
Preisträger der letzten Jahre
2019 Peter Handke (Österreich)
2018 Olga Tokarczuk (Polen)
2017 Kazuo Ishiguro (Großbritannien, in Japan geboren)
2016 Bob Dylan (USA)
2015 Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
2014 Patrick Modiano (Frankreich)
2013 Alice Munro (Kanada)
2012 Mo Yan (China)
2011 Tomas Tranströmer
(Schweden)
2010 Mario Vargas Llosa (Peru)
2009 Herta Müller (Deutschland)
2008 J.M.G. Le Clézio (Frankreich)
2007 Doris Lessing (Großbritannien)
2006 Orhan Pamuk (Türkei)
2005 Harold Pinter (Großbritannien)
2004 Elfriede Jelinek (Österreich)
2003 John M. Coetzee (Südafrika)
2002 Imre Kertész (Ungarn)
2001 V.S. Naipaul (Großbritannien)
2000 Gao Xingjian (Frankreich)
1999 Günter Grass (Deutschland)