Die musikalische Struktur einer Sportart entlarvt

Kultur / 08.10.2020 • 19:12 Uhr
Es handelt sich hier nicht um Sportler, sondern um Musiker. Galerie
Es handelt sich hier nicht um Sportler, sondern um Musiker. Galerie

Zu Cello- und Seilzugklängen lässt Albert Mayr in der Galerie Lisi Hämmerle rudern.

BREGENZ Das Streichquartett hat ausgedient. Albert Mayr lässt in der Galerie Lisi Hämmerle nunmehr gleich ein Oktett auffahren. „Row Row Row“ heißt die großflächige, den ganzen Raum einnehmende Videoinstallation des österreichischen Künstlers, dessen heterogenes Werk aus Skulpturen, Installationen, Grafiken und Performances von der Konstante Rhythmus zusammengehalten wird. Im schlauchartigen Galerieraum gestaffelt, von vorne nach hinten immer größer werdend, erzeugt das Arrangement eine perspektivische Wirkung: von horizontal platzierten kleineren Monitoren, die dem via Spiegel zu betrachtenden, fast wie auf einer Wasseroberfläche schwebenden Filmbild in stelzenartigen kleinen, an Bootshäuser erinnernden Hüttchen, mehr Brillanz verleihen, über größere Screens bis hin zur die ganze Stirnwand ausfüllenden Projektion an der hinteren Wand. In den acht Videos sind acht Ruderinnen und Ruderer zu sehen. Pardon, bei den Herrschaften an den „strings“, aber auch Saiten, handelt es sich nicht um Sportler, die im Gym trainieren, sondern (abgesehen von einer Ausnahme) um Musikerinnen und Musiker, die dementsprechend gekleidet sind. Lediglich die rudernde Person aus der größten Projektion an der Wand trägt eine lange, blonde Perücke und hält den Kopf gesenkt, weil sie nicht erkannt werden will. Bekannt ist hingegen, dass Albert Mayr, der als Bildhauer, Musiker und Performer zwischen allen Genres zuhause ist, bei einigen seiner Projekte schon eine solche Perücke getragen hat. Wirkt der Künstler selbst mit, lässt uns aber rätseln?

Fast meditativ

Der Auslöser für die Installation sei das Geräusch des Seilzuges am Rudergerät gewesen, dem Quietschen einer nicht perfekt gespielten Geige nicht unähnlich, erzählt Albert Mayr. Das klangliche Potenzial dieses zu Beginn und auf Dauer für hellhörige Ohren gewöhnungsbedürftigen Geräusches, synchronisiert mit einem Cello, liefert denn auch den Sound für die Installation. In den acht Videos rudern die Protagonisten in rhythmischen Bewegungen, aber scheinbar ohne Kraftaufwand, fast meditativ vor sich hin, bewegen sich bei einer fixen Kameraeinstellung von rechts nach links und wieder zurück bzw. umgekehrt durch das Bild.

Kanon aus Bild und Sound

Die optische Illusion der Bilder und die musikalische Struktur, das Geräusch der Seilzüge und des Cellos, überlagern sich zu einer komplexen Installation, die auch mit dem Rudern als Metapher spielen. Nicht genug damit, werden die unterschiedlichen, nicht synchronen Sequenzen kanonartig abgespielt, sodass aus den vorgegebenen Elementen immer wieder, wie organisch wachsend, eine neue Komposition entsteht.

Auf absolute Verdichtung folgen „Leerstellen“ und Stille, und je nach Standpunkt und Bewegung klingt und sieht man alles wieder ganz anders. Video, Sound und Skulptur werden in Albert Mayrs Werk de- und rekonstruiert, vermischen sich fast schon rebellisch zu etwas Neuem, zu einer synästhetischen Erfahrung von Welt, die äußerst erfrischend zwischen Chaos und Ordnung changiert.

Einen höchst anregenden, aufschlussreichen und frech-humorvollen Einblick in die pikturale Denk- und Arbeitsweise des Künstlers liefern die teils großformatigen Zeichnungen, Skizzen und Collagen im zum grafischen Kabinett umfunktionierten eigentlichen Videoraum der Galerie: grafische Partituren mit Erdnüssen, ein Projekt mit Durchreiche-Löchern von der Bühne nach Downstage, Schlagzeugspielen in Verbindung mit Feuerwerkskörpern oder der „Telephone Walk“, der im Handy-Zeitalter dem entspricht, was früher einmal das Kritzeln auf Papier während des Telefonierens war.

Die großformatigen Zeichnungen liefern einen aufschlussreichen Einblick ins Werk. AG
Die großformatigen Zeichnungen liefern einen aufschlussreichen Einblick ins Werk. AG

Zur Person

Albert Mayr

Geboren 1975 in St. Pölten

Ausbildung Kommunikationsdesign; Medienkunst an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Peter Kogler

Laufbahn Ausstellungen in Wien, Graz, Basel, Köln, Dortmund, Antwerpen; Projekte im öffentlichen Raum

Auszeichnungen MO Kunstpreis, Dortmund; Österreichisches Staatsstipendium; Auslandsstipendium Shanghai;

Wohnort Wien

Die Ausstellung ist in der Galerie Lisi Hämmerle, Anton-Schneider-Straße 4a, Bregenz, bis 31. Oktober geöffnet, Mi bis Fr von 15 bis 19 Uhr, Sa von 13 bis 16 Uhr