Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Buntes Polit-Ufer am See

Kultur / 03.10.2020 • 14:00 Uhr

Bis zu den Gemeinderatswahlen am vergangenen Sonntag war das Ufer des Bodensees von der Rheinmündung bis zur Leiblach tiefschwarz gefärbt. Hard schwarz, Bregenz schwarz, Lochau schwarz und auch Hörbranz schwarz. Bei so viel Schwarz ein Wunder, dass der See bisweilen blau oder zumindest grau war. Nun aber ist – zumindest bei der Direktwahl der Bürgermeister – alles anders: Hard rot, Bregenz rot, Lochau grün und Hörbranz farbmäßig nicht genau zuordenbar, aber sicher nicht schwarz. Da hat sich also etwas getan an den Ufern des Sees – und überall sind die Schwarzen nicht unschuldig an den neuen Machtverhältnissen.

„Das führte wohl dazu, dass sich die Schwarzen in Bregenz zu sicher waren, während die Roten um ihr ‘Leiberl’ rannten.“


Das gilt nicht zuletzt für Bregenz. Da erreichte die bisherige Rathauskoalition aus Schwarz und Grün bei der Gemeinderatswahl eine Mehrheit von gemeinsam etwa 56 Prozent. Markus Linhart allerdings verfehlte bei der Direktwahl des Bürgermeisters die Absolute doch recht deutlich. Immerhin kam er auf 43 Prozent, sein „ewiger“ Herausforderer Michael Ritsch auf 34 Prozent. Das führte wohl dazu, dass sich die Schwarzen in Bregenz zu sicher waren, während die Roten um ihr „Leiberl“ rannten. So sah man die Tage vor der Stichwahl allerorten die Mitstreiter von Ritsch, aber kaum irgendwelche Vertreter von Schwarz, schon gar nicht von Grün. Michael Ritsch konnte alle verbliebenen Sozialdemokraten, wohl auch manche Grüne und andere mit der Stadtpolitik Unzufriedene um sich scharen, konnte sich in der Direktwahl von 34 auf über 51 Prozent steigern, während Linhart gerade einmal fünf Prozent zulegen konnte – und damit das Rennen um den Bürgermeistersessel verlor.

Natürlich: In der Bregenzer Stadtpolitik wurden Fehler gemacht. Als zentrales Nervensystem der Stadt kann man die Seestadt nennen, die vor Jahren von den Illwerken in Privatbesitz überging und seit damals als Parkplatz im Herzen der Stadt brachliegt. Viel zu lange hat es auch gedauert, bis Bewegung in die neue Bahnhofsplanung kam. Da aber liegt auch ein zentrales Problem für Michael Ritsch. Denn inzwischen haben die Planungen begonnen, es gibt Verträge mit dem Land und der ÖBB zum neuen Bahnhof. Den will Ritsch aber anders, weiter stadteinwärts. Nachdem das aber von Schwarz und Grün so beschlossen wurde, kann man sich nur schwer vorstellen, dass eine der beiden Gruppen nun gegen eigene Entscheidungen stimmt. Wie soll Ritsch da eine Mehrheit für seine Idee bekommen? Das gilt auch für andere Projekte. Einfach wird sein Leben als Bürgermeister ohne Mehrheit in Stadtvertretung und Stadtrat nicht sein. Aber das hat er schon vor der Stichwahl gewusst.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.