“Gemeinsam ist Alzheimer schöner” hält mehr als der Titel verspricht

Kultur / 26.09.2020 • 12:00 Uhr
Johannes Krisch und Maria Köstlinger in "Gemeinsam ist Alzheimer schöner" von Peter Turrini, inszeniert von Alexander Kubelka. <span class="copyright">apa/kammerspiele/Neubauer</span>
Johannes Krisch und Maria Köstlinger in "Gemeinsam ist Alzheimer schöner" von Peter Turrini, inszeniert von Alexander Kubelka. apa/kammerspiele/Neubauer

Turrini-Uraufführung in der Regie des ehemaligen Chefs des Vorarlberger Landestheaters.

Wien, Bregenz Das Turrini-Stück “Josef und Maria” zählt wohl zu jenen, die man am besten aus der Zeit von Alexander Kubelka am Vorarlberger Landestheater in Erinnerung hat. Nach seinem abrupten Abgang aus Bregenz vor Ablauf des Vertrags vor drei Jahren lief die Produktion dann an den Kammerspielen des Wiener Theaters in der Josefstadt.

Nun hatte dort ein neues Stück des bekannten Österreichers Peter Turrini Premiere. “Gemeinsam ist Alzheimer schöner” hält sogar mehr als der marketingtechnisch zwar relevante, aber etwas banale Titel verspricht. Wieder stehen nur zwei Personen auf der Bühne, diskriminiert nicht wegen ihrer Mittellosigkeit, sondern weil die Memorierfähigkeit bereits so weit nachgelassen hat, dass sie in einer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft auch dann nicht mehr mithalten könnten, wenn es mit der Beweglichkeit klappen würde. Sie und Er, so die Figurenbezeichnung, sitzen im Rollstuhl und bewohnen ein Apartment in einer Seniorenresidenz, die Bühnenbildner Florian Etti mit verschiebbaren Kachelwänden andeutet, die zugleich aber auch zum Gefängnis werden könnten oder gar zum klinisch reinen Raum, der Prosektur, in der wir liegen, bevor der Leib wieder der Erde übergeben wird. Die Wände einerseits bedrohlich, aber auch von einer Sekunde zur anderen zu echten Projektionsflächen werden zu lassen, darin liegt die Stärke des Regisseurs Alexander Kubelka, bei dem sich die alte Frau und der alte Mann bald aus den Stühlen erheben und sich ohne Kostümwechsel als Jungverliebte glaubhaft in den Armen liegen, um Stationen der Ehe in jeweils rasch eingefügten Rückblenden Revue passieren zu lassen.

Kräftemessen der Geschlechter

Dass daraus von Anfang an ein Kräftemessen wird, bei dem er nicht nur intellektuell, sondern auch in der Kaltschnäuzigkeit mit der er dem Sexualtrieb Befriedigung verschafft, überlegen ist, bürdet dem Stück einerseits ein paar Klischees zu viel auf, andererseits werden die Zuschauer in eine Zeit zurückkatapultiert, in der sich die Frauen bei der Heim- und Gartenarbeit einige Freiheiten nahmen und sich erst nach und nach mehr Terrain eroberten. Kubelka tat gut daran, derlei Themen nicht weiter zu vertiefen, sondern sie vor allem hinsichtlich des sprachlichen Witzes zu betonen, in dem auch viel Selbstironie und somit zur Anwendung gekommene Lebenserfahrung steckt. Diese Momente kosten beide sehr gut aus. Er, Johannes Krisch, ungemein präsent und deshalb auch vordergründiger, aber mit einer breiten Tonskala, sie, Maria Köstlinger, so subtil, dass es manchmal so scheint als gerate sie ins Hintertreffen, obwohl sie gerade die psychologische Dimension des Vergessens ungemein stark zu vermitteln vermag.

Zum Nachlesen

Was weitere Inhalte betrifft, so ist “Gemeinsam ist Alzheimer schöner” Turrini pur. Erlebt man doch auch hier – verpackt in die Geschichte vom einst erfolgreichen Papierfabrikanten, der nun vom Wohlwollen des Sohnes abhängig wird – sein Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, das sein umfangreiches OEuvre ausmacht. Das Stück gibt es für  jene, die sich die vom Publikum gefeierte Produktion in Coronazeiten nicht gönnen dürfen, verlegt im Haymon Verlag, zum Nachlesen.

Weitere Aufführungen des Stücks vom 28. September bis 26. Oktober in den Kammerspielen des Wiener Theaters in der Josefstadt: www.josefstadt.org