Ausgeschult und gleich gearbeitet

Kultur / 15.09.2020 • 22:30 Uhr
Ausgeschult und gleich gearbeitet
Gebäudeteil der Spinnerei Gisingen von F.M. Hämmerle. PETRA RAINER

Ein Künstlerinnenprojekt zur Vorarlberger Industriegeschichte klärt auf.

feldkirch “Ich wollte länger in die Schule, aber Mama konnte gesundheitlich nicht mehr und es ging um die Wohnung”, erzählt Rösle Ehrne, die gleich nachdem sie ausgeschult hatte in der Fabrik gearbeitet hat. “Ich hab im Betrieb an einer Maschine gearbeitet, wie alle anderen auch. Und dann hat man in der Vorspinnerei jemand gesucht für die Qualitätskontrolle, und irgendjemand hat gesagt: ‚Rösle ist in die Hauptschule gegangen, die müsste das können.‘ Ich konnte dort einsteigen und bin von da ins Labor gekommen. Die letzten Jahre, in denen ich arbeitete, habe ich es geleitet.” Emma Maier erzählt vom Teamgeist: “Im Betrieb war man darauf angewiesen, dass man Hand in Hand gearbeitet hat. Es war noch menschlich, alles miteinander war noch menschlich. Die Firma war sehr sozial, das muss ich sagen.“ Margit Bartl-Frank hat diese Aussagen festgehalten. Die Künstlerin hat sich schon mehrmals mit der Industriegeschichte beschäftigt und sich gemeinsam mit Nadine Hirschauer und Petra Rainer an einem Projekt der Stadt Feldkirch beteiligt. Über ein Jahr lang wurde die Geschichte der Spinnerei Gisingen der Firma F.M. Hämmerle und die damit verbundene sogenannte Hämmerle-Kolonie mit Arbeiterhäusern und diversen Nebengebäuden künstlerisch beforscht. Bartl-Frank stellte bei ihren Recherchen die ehemaligen Mitarbeitenden der Spinnerei Gisingen in den Mittelpunkt. Die Arbeit und die gesellschaftlichen Zusammenhänge sollten in Interviews und historischen Dokumenten lebendig werden.

Rösle Ehrne hat mehrere Jahre bei Hämmerle gearbeitet. <span class="copyright">Margit Bartl-Frank</span>
Rösle Ehrne hat mehrere Jahre bei Hämmerle gearbeitet. Margit Bartl-Frank

Nadine Hirschauer setzt sich mit ihren Arbeiten mit den sowohl gesellschaftlichen als auch landschaftlichen Auswirkungen des großen Booms der Textilindustrie in Vorarlberg auseinander und untersucht dessen Spuren, die heute noch erfahrbar sind. Sie hat die Firma Hämmerle unter die Lupe genommen, Geschichten von Arbeiterinnen und Arbeitern sowie von Anwohnern gesammelt und sie Plätzen zugeordnet. Den Beziehungen der Menschen zu ihrem Arbeits- und Lebensraum geht die Fotokünstlerin Petra Rainer mit ihren Aufnahmen nach. Harald Petermichl, der Feldkircher Kulturamtsleiter, Stadtarchivar Christoph Volaucnik und Sabine Benzer, Geschäftsführerin des Theaters am Saumarkt, haben das Projekt initiiert und begleitet, dem ab 18. September auf dem Fabriksgelände in Feldkirch-Gisingen eine Publikation gewidmet ist. VN-cd

Ausstellung Dreihammerweg 7, Feldkirch: Preview am 18. September, 17 Uhr; Eröffung am 19. September, 18 Uhr Uhr. Führungen jeweils am Sonntag: saumarkt.at