Denkwürdige Konzerte mit Symbolkraft

Kultur / 30.08.2020 • 21:46 Uhr
Manfred Honeck und Daniel Ottensamer in Salzburg. SF/M. Borelli
Manfred Honeck und Daniel Ottensamer in Salzburg. SF/M. Borelli

Manfred Honeck dirigierte die Camerata Salzburg, die Berliner Philharmoniker traten unter Kirill Petrenko bei den Festspielen auf.

Salzburg Vor den Salzburger Festspielhäusern wurden kürzlich Gedenksteine verlegt, die an jene hier aufgetretenen Künstler erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet oder vertrieben wurden. Diesen Aspekt der Geschichte zu behandeln, wird auch 2021 ein Thema sein, wenn die 1920 auch als Friedenssymbol gegründeten Festspiele wieder im vollen Umfang stattfinden können. Auch die Programmierung der Konzerte bietet diesbezüglich Möglichkeiten.

Die Camerata Salzburg unter Manfred Honeck griff sie auf. Der Vorarlberger Dirigent ist längst einer der weltweit führenden seines Fachs, wird seit Jahren von den Festspielen engagiert und ließ die Matinee am Sonntag zu einem denkwürdigen Konzert werden, das mit den 1946 in Zürich uraufgeführten Metamorphosen für 23 Solostreicher von Richard Strauss endete. Der Komponist und Mitbegründer der Festspiele, der eine ambivalente Haltung zum Nationalsozialismus einnahm, nimmt in diesem Klagegesang angesichts der verwüsteten Welt auch Bezug auf Beethoven und überantwortet den Interpreten ungemeine Behutsamkeit bei der Ausschöpfung des Farbklanges jedes Instruments, was unter Honeck als leiser Hoffnungsschimmer durchscheint. Nachdem das Orchester mit dem Cantus in Memory of Benjamin Britten von Arvo Pärt seine Ausdrucksstärke im kaum noch hörbaren Bereich bereits dargelegt hatte, rundete Mozarts Konzert für Klarinette (KV 622) die musikalische Ermahnung an eine menschliche Gesinnung ab. Klarinettist Daniel Ottensamer macht als dessen Überbringer jeden Moment wertvoll.

Klangfülle

Corona ließ auch die Berliner Philharmoniker lange verstummen, verständlich, dass die Rückkehr des Orchesters auf das Podium manchem im Publikum Freudentränen in die Augen trieb. Mit Berührtheit ohne Sentimentalität lässt sich der Zugang umschreiben, den Chefdirigent Kirill Petrenko zu Schönbergs „Verklärte Nacht“ in der Fassung für Streichorchester fand. Nach einem Gedicht von Richard Dehmel thematisiert das Werk das Gefühlsleben Liebender in konflikt­reicher Situation und wird hier zu einem Bild, dessen einzelne Rasterpunkte mit fast schon harter Präzision gesetzt sind, das im Ganzen aber eine Fülle von Stimmungen wiedergibt. Bei Brahms 4. Symphonie wird noch deutlicher, dass die Abstandsauflagen in Deutschland wesentlich schärfer sind. 1,5 Meter zwischen den Streichern, 2 Meter zwischen den Bläsern und dennoch absolute Klangfülle – wie geht das? Im turbulenten 3. Satz lehnt sich Petrenko fast zurück, treibt nicht mehr an, begeistert insgesamt mit einer Luftigkeit, die beinahe einer neuen Hörerfahrung entspricht.

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko hielten sich auch in Salzburg an die deutschen Abstandsregeln. SF/M. Borelli
Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko hielten sich auch in Salzburg an die deutschen Abstandsregeln. SF/M. Borelli

Rundfunkübertragung Camerata Salzburg unter Manfred Honeck: 8. September, 14.05 Uhr, Ö1