Mit der Natur lässt sich noch manipulieren

Bernhard Garnicnig und Marlene Schenk hinterfragen in Kunstprojekten den Massentourismus.
Bregenz Was haben jene riesigen Kreuzfahrtschiffe bzw. Dreckschleudern, die mit ihren bequem gaffenden Passagieren so nah an Venedig vorbeiziehen, dass sie das Ökosystem in der Lagune schädigen, mit idyllischen Bildern von den Alpen zu tun? Warum steht jenes dieser schwimmenden Luxushotels, das dort jüngst an die Kaimauern donnerte, in Verbindung mit jenen Scharen an Touristen, die zu renommierten Museen oder Konzert- und Opernhäusern pilgern? Bernhard Garnicnig und Marlene Schenk finden die Antwort in den Mechanismen, die dahinterstecken, und die sich in den Alpen wie in den Ausstellungsgeländen gleichen.
Die Künstler und Kulturwissenschaftler widmen ihre aktuelle Arbeit der Begegnung von Einzelpersonen mit einem Kunstwerk. Die Menschen sollen wieder auf das Eigentliche, die Möglichkeit der Zwiesprache mit einem Werk aufmerksam gemacht werden. Das geschieht beispielsweise bei der noch bis 1. September laufenden Bregenz Biennale, bei der Passanten Kunstwerken mehr oder weniger per Zufall, das heißt, ohne konkrete Ankündigung, gegenüberstehen. Augenfällige Interaktionen im Stadtbild sind dabei etwa die Plakate und Postkarten von Marie Vermont, die beispielsweise erwähnte Schiffe als Motiv verwendet und die Landschaftsidyllen aufraut.
Aktuelle Urlaubskampagne
Im Gespräch mit Garnicnig und Schenk offenbaren sich Themenfelder, die im Hinblick auf die immer noch funktionierende Manipulation mit Naturidyllen sehr interessant sind. Garnicnig hat sich beispielsweise intensiv mit Werner Bätzings Publikationen zu den Alpen als Kulturlandschaft beschäftigt. Erst mit der Industrialisierung, als die Freizeit als Phase, in der nicht gearbeitet wird, zum Begriff wurde, entdeckte man die zuvor eher negativ konnotierten Berge als Erholungsgebiet. Und damit begann auch schon deren Vermarktung. Extrem idyllische bis süßliche Bilder von einer Naturlandschaft sollten Begehrlichkeiten wecken. Das Motiv funktioniere immer noch, meint Marlene Schenk, die sich mit den Bildern auseinandersetzte, mit denen gerade heuer die Österreicher dazu angeregt werden sollten, den Urlaub im eigenen Land zu verbringen. Wenn sie zusätzliche Touristen ins Land locken, sollte es auch recht sein. Man operiere beispielsweise mit menschenleeren Landschaften oder mit einem magischen Licht, das sich in der Realität bestenfalls einmal an den Tagesrandzeiten einstellt. Wenn man die verkitschten Aufnahmen aus früheren Jahrzehnten und jene von heute betrachtet, sei höchstens festzustellen, dass die Fotografen mittlerweile etwas Nebel oder Wolken zulassen. Dass die Landschaft dringend schützenswert ist, werde damit eher nicht vermittelt.
Übertourismus
Dass sie als Ausstellungsmacher Teil des Systems sind, wollen Schenk und Garnicnig dabei keineswegs leugnen. Wenn sie sich beim Begriff Übertourismus, den auch die Kunstbranche erzeugt, eine Ausstellung wie die Biennale in Venedig vor Augen rufen, auf der der Besucher an sich nur noch die Möglichkeit hat, die Werke beim Vorbeigehen rasch durchzuscannen, trauen sie sich auszusprechen, dass auch sehr aufnahmefähige Menschen mit derlei Präsentationsplattformen an sich überfordert sind. Die Lösung liegt nicht einfach auf der Hand, aber es sei ratsam, sich damit zu befassen, im Kunst- wie im Tourismusbereich.
„Wir wissen genau, dass die Instrumentalisierung von Natur auch negative Konsequenzen hat.“
