Auf ein Bier mit Shakespeare

Kultur / 28.08.2020 • 17:24 Uhr
Shakespeares WeltIan MortimerPiper496 Seiten

Shakespeares Welt

Ian Mortimer

Piper

496 Seiten

Ian Mortimer reist ins elisabethanische Zeitalter.

Sachbuch Ein Mann sitzt mit einem Pott gutem Doppelbock in der Mermaid Tavern, seinem Londoner Stammlokal. Er betrachtet die Händler, die Geldverleiher und Goldschmiede, die Reisenden und die feinen Damen und Herren auf der Cheapside. Es ist William Shakespeare, der Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford, der es als Dichter und Dramatiker zu erheblichem Ruhm gebracht hat. Ansprechen dürfen wir ihn nicht. Aber uns zu ihm setzen, ihn aus nächster Nähe beobachten, hören, was er sagt, sehen, was er tut, ohne dass er uns bemerkt? Das alles – und noch viel mehr – können wir, sofern wir in Ian Mortimers Zeitmaschine steigen und mit ihr in Englands elisabethanisches Zeitalter reisen. Er hat erklärtermaßen versucht, Schichten der Verklärung, Vereinfachung und des aufgeblasenen historischen Urteils, die die Vergangenheit auf Distanz zu uns halten, so weit wie möglich abzutragen. Tatsächlich ermöglicht er uns – durchgängig im Präsenz geschrieben -, das England von Königin Elizabeth I. aus der Nähe zu betrachten. Shakespeares London mit den Augen von Zeitzeugen: Darunter nicht nur Theater wie das Globe, Märkte, Kirchen und Paläste oder die Mermaid Tavern, sondern auch Tyburn, der Platz mit dem Galgen, an dem Diebe aufgehängt werden. Oder das Great Stone Gate mit den aufgespießten Köpfen von Verrätern als Warnung für alle, die es wagen, sich gegen die Monarchin zu stellen.

Schlamm und Edelsteine

Jeder dritte Londoner geht damals mindestens einmal im Monat ins Theater, aber nur, wenn sie nicht gerade wegen der Seuche geschlossen werden. Dennoch entsteht unter Elizabeth I. jene Schauspielkultur, die noch in der Moderne Bedeutung hat: „Anders als ihre Vorgänger erforschen die spätelisabethanischen Dramatiker begeistert die conditio humana“, berichtet Mortimer. Zu den Lebensumständen der Menschen gehören ein weitverbreiteter Geisterglaube – reflektiert auch in Shakespeares Stücken „Hamlet“ und „Macbeth“ – sowie Fremdenhass und Rassismus. In den letzten Regentschaftsjahren von Elizabeth I. vollendet Shakespeare 25 Stücke. Mortimers Fazit über das damalige England: „Es ist ein mit Edelsteinen besetztes, vor Schlamm strotzendes Reich, funkelnd und hungernd, gleichermaßen hoffnungsvoll und angsterfüllt – immer am Rande wunderbarer Entdeckungen und brutaler Rebellionen und immer sorgsam bedacht auf die Schönheit, Macht und Gefahr, die Worte in sich bergen.“