Von befreiten Frauen in der rückständigen Schweiz

Roman In ihrem neuen Roman „Späte Gäste“ verdichtet Gertrud Leutenegger eine Totenwache zu intensivem Leben zwischen Erinnerung, Traumbild und hellsichtiger Zukunftsschau. Die Kinder hatten Angst vor Orion. Wenn die sommerliche Hitze das Tessiner Bergdorf in ihren Bann schlug, irrte er in einem schweren Ledermantel durch die Gassen. Frau und Tochter ertrugen ihn, wenn er, der verkannte Architekt, gegen den Misserfolg antrank, bis er zum Tier wurde. Irgendwann flohen sie über den Gotthard, heim in die Deutschschweiz, in ein sichereres Leben.
Jetzt ist Orion gestorben. Schon auf den ersten Seiten folgt man der Erzählerin, Orions einstiger Lebensgefährtin, erwartungsvoll zurück über den Pass, um rechtzeitig zu kommen zur Totenmesse. Warum? Kennt man diese Geschichte nicht in- und auswendig? Da ist ein Künstler, kompromisslos. Da ist eine liebende Frau, die ihm die Treue hält. Gertrud Leuteneggers Figuren mögen äußerlich in traditionellen Rollen gefangen sein – innerlich jedoch sind sie frei. Auch die Heldin in ihrem neuen Roman hat sich befreit. Zurück im Tessiner Dorf verbringt sie die Nacht in jenem Hotel am Waldrand, wo sie früher Schutz fand vor Orion. Der Wirt ist nicht da. So tanzen nur die Erinnerungen im Ballsaal, von dem der Stuck fällt, während sich draußen, im verwilderten Garten stumme Gestalten drängen. Hat sie keine Angst, so allein? Doch, aber sie weiß: Angst lässt sich besiegen. „In dem Maße, wie ich langsam in den Schlaf sank und alles vergaß, den tobenden Mann im Dorf, die zukrachenden Türen, wuchs in mir noch gestaltlos, doch unabweisbar die Weigerung, Furcht zu empfinden.“
Gertrud Leutenegger, “Späte Gäste”, Suhrkamp, 176 Seiten.