Wie eine Heimkehr

Kultur / 16.08.2020 • 21:51 Uhr
Enrique Mazzola mit dem Symphonieorchester Vorarlberg und Sopranistin Mélissa Petit im Bregenzer Festspielhaus. FEstspiele/Mathis
Enrique Mazzola mit dem Symphonieorchester Vorarlberg und Sopranistin Mélissa Petit im Bregenzer Festspielhaus. FEstspiele/Mathis

Symphonieorchester Vorarlberg bei den Festtagen der Bregenzer Festspiele.

Bregenz Beethovens Siebte erklang bei der Uraufführung 1813 gemeinsam mit „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“, als in Europa jahrelang die Napoleonischen Kriege gewütet hatten. Auch wir leben in kritischen Zeiten. So war es ein ebenso herzbewegendes wie befreiendes Erlebnis, nach einer langen Zwangsgeneralpause endlich wieder ein Orchesterkonzert zu hören. Dass das Symphonieorchester Vorarlberg bei dieser Matinée spielte, war wie eine Heimkehr. Im ersten Teil erklangen die bukolischen „Chants d’Auvergne“ von Joseph Canteloube, der Volksweisen aus dieser zentralfranzösischen Region (aus der auch Vercingetorix stammt) gesammelt und arrangiert hat, die um das Hirtenleben und die Liebe kreisen. Die Auswahl hat die südfranzösische Sopranistin Mélissa Petit getroffen.

Schon in den ersten Takten breitete sich eine leise flirrende orchestrale Hochsommerwiese aus, man glaubte fast, die Kräuter zu riechen. Mit ihrem schlanken, manchmal auch schwelgerisch eingesetzten Sopran war Petit, die 2019 hier die Gilda gesungen hat, die ideale Interpretin, zumal sie das Okzitanische seit ihrer Kindheit beherrscht. Auch ihr mimisches Talent kam in Szenen, wie dem Dialog zwischen einem liebeswilligen Ritter und einer zögernden Schäferin, überzeugend zum Einsatz. In den raffinierten Klangfarben der Arrangements brillierten alle Musiker mit eleganter Phrasierung und perfektem Zusammenspiel. Es war ein von Enrique Mazzola differenziert einstudierter und souverän-zurückhaltend dirigierter beglückender Einstieg.

Inbegriff konzentrierter Energie

Und dann Beethovens Siebte, dieser Inbegriff konzentrierter musikalischer Energie, die man auch schon, etwa von Theodor Currentzis, wie eine Schlachtenmusik gehört hat. Der Bregenzer Beethoven hatte nichts Forciertes an sich, er war immer kammermusikalisch durchsichtig und dennoch mitreißend in den Steigerungen. Wie sich die Einleitung von der fast menschlich klingenden Oboenstimme bis zum Jubel des Tutti aufbaute, trieb einem die Tränen in die Augen, weil es so bewegend war, endlich diese Musiker wieder gemeinsam spielen zu hören. Atemberaubend und wie aus einer anderen Welt dann der zweite Satz mit dem fast unhörbaren Piano der tiefen Streicher zu Beginn und der Cellokantilene. Das Scherzo als Kontrast dazu überzeugte mit überbordender frecher Fröhlichkeit und musikantischen Holzbläsern im Trio. Schön, wie Maestro Mazzola hier schon vor Beginn die Musiker anlachte und wie er sich freute, wenn etwas gelang. Es war wahrhaft meisterlich, wie er ohne Mätzchen und übertriebene Gesten und immer im Geiste der Musik das Orchester manchmal führte und es dann wieder einfach laufen ließ.

Begeisterter Applaus

Das rasante Finale mit seinen kurzen, scharfen Trompetenstößen und schmetternden Hörnern und knallenden Pauken am Schluss entfesselte langen, begeisterten Applaus und Bravo-Rufe im Publikum. Wenn das Immunsystem durch positive Erlebnisse gestärkt wird, dann war dieses Konzert das beste Gegenmittel gegen Corona.

Die Festtage der Bregenzer Festspiele dauern bis 22. August. Das SOV ist noch für die Uraufführung der Oper „Impresario Dotcom“ am 20. August engagiert.