Was man nicht ohne Weiteres hört

Kultur / 10.08.2020 • 22:25 Uhr
Camilla Nylund mit dem Lech Classic Orchester. Im nächsten Jahr wird das Festival wieder im vollen Umfang stattfinden und Beethoven gewidmet sein. Festival/flasaar
Camilla Nylund mit dem Lech Classic Orchester. Im nächsten Jahr wird das Festival wieder im vollen Umfang stattfinden und Beethoven gewidmet sein. Festival/flasaar

Das hochfeine Lech Classic Festival wartete mit einem absoluten Höhepunkt zum Finale auf.

Lech Die Veranstalterin Marlies Wagner hatte es vollbracht, das „hohe Paar“ des „Lohengrin“ der Bayreuther Festspiele, die ja coronabedingt abgesagt wurden, vom Roten Main an den jungen Lech zu holen – wahre Superstars ihres Fachs: die Finnin Camilla Nylund und den Polen Piotr Beczala. Mit dem großartig und beherzt aufspielenden Lech Festival Orchester unter der kompetenten Stabführung von Michael Güttler konnten die beiden bei toller Stimmung unter den Musikern und im Publikum im akustisch guten und fast vollbesetzten Sportpark von Lech alle Facetten ihres Könnens dokumentieren, dabei auch einiges, was man nicht ohne Weiteres von ihnen zu hören bekommt. Der Geiger Dalibor Karvay, seit Kurzem Konzertmeister der Wiener Symphoniker, die Flötistin Birgit Ramsl-Gaal und der Cellist Sebastian Bru spielten virtuos vorgetragene Stücke aus ihrem Solo-Repertoire – instrumentale Glanzpunkte.

Klanggebung auf jeder Note

Camilla Nylund sang zum Thema „Glück, das mir verblieb“ aus Korngolds „Die tote Stadt“, und es war in der Tat der erste hohe Ton dieser Arie, den sie mit solcher Verve, Klangintensität und herrlich ausschwingend sang, dass damit allein schon das Thema gerechtfertigt schien. Als „Figaro“-Gräfin bestach sie mit ihrem perfekten Tonansatz, bester Diktion und farbenreicher lyrischer Klanggebung auf jeder Note.

Mit der „Teuren Halle“ aus Wagners „Tannhäuser“ setzte sie einen strahlenden Akzent ihrer großen Wagner-Erfahrung, den sie mit der emotionalen Dramatik der Sieglinde mit „Der Männer Sippe“ aus der „Walküre“ noch variierte, all das immer mit starkem Ausdruck und entsprechender Mimik, je nach Thema des Stücks. Mit dem Tenor Anton Saris gab sie ein munteres Duett-Medley aus der „Fledermaus“ von Strauß und ließ mit Liedern von Schubert und Strauss ihre hohe Versatilität und Lyrik im Liedgesang hören.

Piotr Beczala sang unter dem Thema „Vincerò!“ des „Nessun dorma“ aus „Turandot“, mit dem er nach einem wahren Arien-Marathon durch das deutsche, italienische, französische und russische Fach das Publikum zu einem Jubelsturm und Standing Ovations hinriss und dann als Zugabe mit Karvay und dem Pianisten noch „Lippen schweigen …“ aus der „Lustigen Witwe“ gab.

Vorher hatte Beczala sage und schreibe die acht bedeutendsten Tenor-Arien aus „Lohengrin“, „Roméo et Juliette“, „Werther“, „Carmen“, „Eugen Onegin“, „Aida“, „Rigoletto“ und „Turandot“ gesungen mit einem nahezu märchenhaft perfekt gefügten und klingenden Tenor, der den Künstler mit seinen strahlenden und topsicheren Höhen sowie viriler Tiefe im Zenit seiner Kunst zeigte.

Besonders besticht seine feine, nie zu dick aufgetragene Italianità. Nylund und Beczala wollen wiederkommen – dem Festival wäre es zu wünschen.