Künstler sind ohnehin auch Hochleistungssportler

Ereignisreicher Auftakt der „Special Edition“ des Lech Classic Festivals im zum Konzertsaal mutierten Sportpark.
Lech An sich müsste man festhalten, dass derart große Stimmen sowieso in einen großen Saal gehören, aber wir wissen es alle, das Lech Classic Festival findet heuer nicht in der neuen Kirche in Lech statt, weil die Corona-Pandemie Distanz von den Zuschauern fordert. Am gestrigen Abend durften besonders zahlreiche Musikbegeisterte somit erfreut feststellen, dass sehr gute Künstler auch bereit sind, in einem Sportpark aufzutreten, wenn die Akustik stimmt. Sie funktionierte, wie sich gleich bei Beethovens Rondo für Klavier und Orchester mit einem mitreißenden tempofreudigen Gottlieb Wallisch erwies, bei dem man zunehmend den Eindruck gewann, dass sich die Ausbuchtungen einer Kletterwand auch sehr gut als Orchestermuschel eignen.
Nicht dass man nun in weiteren Gemeinden auf die Idee kommen soll, Kulturveranstaltungen in die Sporthallen zu verlegen (selbst wenn die Bregenzer Festspielkonzerte vor Jahrzehnten im Übrigen in einer solchen begannen), aber Kompromisse einzugehen, hat sich für die Veranstalter Marlies und Franz Wagner gelohnt, der Auftakt zur „Special Edition“, wie die gekürzte Ausgabe mit fünf 90-minütigen Konzerten bezeichnet wird, verlief als Vorstellungsabend aller Mitwirkenden ereignisreich. Ganz nebenbei: Künstler sind ohnehin auch Hochleistungssportler.
Rollendebüt
Wann hat man schon die Möglichkeit, das Rollendebüt einer Sopranistin wie Camilla Nylund, die längst zu den Stars der Bayreuther Festspiele oder Staatsopern wie jener in Wien, Berlin und München zählt, zu erleben, bevor sie damit auf der Musiktheaterbühne steht. Ihre erste „Tosca“ wird sie im kommenden Jahr geben. Zwei Proben, und schon hatte sie sich auf die speziell von Michael Güttler geleitete Orchesterformation eingestellt. Strahlende Höhe, Farbenreichtum, Ausdrucksstärke und ein Perfektionismus, der mit sympathischer Lockerheit einhergeht, haben begeistert. Neben ihr glänzte, wie könnte es anders sein, Piotr Beczala als Cavaradossi. Am kommenden Sonntag wird der Tenor das Festival mit der Gralserzählung aus Wagners „Lohengrin“ beenden. Auch die große Arie des Radames ist angekündigt.
Emotion im besten Sinn
Gestartet wurde das Fest übrigens mit sehr viel Witz und einer bestens aufgelegten Pianistin Jasminka Stancul, die Beethovens „Die Wut über den verlorenen Groschen“ als kleinen Verweis darauf, dass das ursprünglich konzipierte Beethoven-Programm nicht stattfinden kann, flink in den Saal hauchte. Stefan Cerny zeigte mit Rossini (aus „Der Barbier von Sevilla“) und Verdi (aus „Macbeth“) schöne Facetten seiner Stimme, und mit dem Gebet der Desdemona aus Verdis „Otello“ ließ Camilla Nylund jene Kälte oder Gänsehaut-Stimmung aufkommen, die Piotr Beczala mit seinem „E lucevan le stelle“ später weitertrug. Von Dalibor Karvay (Violine) und Sebastian Bru (Cello) gab es mit Dworák einen Vorgeschmack auf die nächsten Abende, bei denen Werke von Mozart, Haydn, Beethoven, aber auch Schubert, Korngold und Camille Saint-Saens zur Aufführung kommen. Mit Lehárs „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“ klang der Abend aus. Emotion im besten Sinn.
Ein Wunschkonzert? Nein, wenn man so will vielleicht auch ein Einfangen des Publikums, das mit dem klassischen Repertoire noch nicht so vertraut ist. Das Lech Classic Festival entzieht sich seit seiner Gründung einer raschen Einordnung. Es bietet die Begegnung mit sehr guten Künstlern und oft auch mit Newcomern und vom Konzept her unter anderem mit bearbeiteten Orchesterwerken. Professionalität ist vorausgesetzt – Dirigent Michael Güttler hat es erneut bewiesen –, und somit hat das etwas. Viel Applaus von einem Publikum, das sich diszipliniert mit Masken und Abstandhalten beschützt und sicher fühlen konnte.
Das Festival dauert bis 9. August, die Konzerte (Werke von Verdi, Wagner, Schubert etc.) finden jeweils um 17 Uhr im Sportpark Lech statt: lechclassicfestival.com