Vorsänger der Nation

Kultur / 31.07.2020 • 18:35 Uhr
Der Koblacher Oscar Egle dirigiert bis heute selbst mit Erfolg vier verschiedene Chöre. Wolfgang Plattner
Der Koblacher Oscar Egle dirigiert bis heute selbst mit Erfolg vier verschiedene Chöre. Wolfgang Plattner

Oskar Egle steuert die Chorszene musikalisch durch die Krise.

KOBLACH Fast alles, was im Land mit Chorgesang im Weitesten zu tun hat, hört auf sein Kommando als musikalisch Verantwortlicher im Chorverband. Oskar Egles Karriere als beliebter Chorguru des Landes begann bei den Sternsingern, er dirigiert bis heute selbst mit Erfolg vier verschiedene Chöre und plaudert aus der Schule des seit Jahrzehnten erfahrenen Chorleiters.

 

Den Chorspezialisten des Landes direkt gefragt: Warum soll der Mensch überhaupt singen?

EGLE Es ist ein ganz starker musikalischer Ausdruck, das Unmittelbarste, was wir haben, weil der Mensch selber klingt, direkt und ohne irgendwelche Umwege über Tasten, Saiten oder Holzkörper – ein einzigartiges Phänomen. Ich erlebe gerade als Chorleiter auch immer wieder Leute, die sich beim Singen in der Gemeinschaft unglaublich gut entspannen, ausklinken können aus Alltag und Berufswelt. Es ist also auch eine ausgezeichnete Burnout-Prophylaxe.

 

Wenn man so lange und so erfolgreich im Chorwesen tätig ist wie Sie, fragt man sich unwillkürlich nach Ihrer Methode im Umgang mit den Sängern. Wieviel Lockerheit, wieviel Strenge ist notwendig?

EGLE Ein ganz großer Teil des Erfolges liegt sicher in der Motivation. Das beginnt mit einem ausgedehnten Einsingen, in dem ich die Leute chorisch, stimmtechnisch, emotional, aber auch körperlich und in der Gemeinschaft gruppendynamisch in Gleichklang bringe. Man muss authentisch sein und Literatur auswählen, von der man selber überzeugt ist, denn nur dann kann ich das auch mit dem notwendigen Feuer transportieren. Man darf auch nicht gleich lockerlassen und zufrieden sein, aber die Leute andererseits auch nicht überfordern. Dieser Spagat zwischen Arbeitsatmosphäre und Geselligkeit, zwischen Qualität und „es frey ha“, ist sicher etwas vom Schwierigsten für den Chorleiter.

 

Mit Ihren eigenen vier Chören decken Sie in der Besetzung das gesamte Spektrum möglicher Chorbesetzungen ab?

EGLE Was mich als Chorleiter lebenslang gefreut hat, ist diese Vielschichtigkeit und Beständigkeit über Jahrzehnte hinweg. Das geht vom Schülerchor „Pizzicanto“, 1990 übernommen, bis zu den Herren des Männerchors Götzis, Chorleiter seit 1986. Dazu kommen der von mir 1982 gegründete Kammerchor „Vocale Neuburg“ Koblach für speziell anspruchsvolle Aufgaben und der energiegeladene Landesjugendchor „Voices“.

 

Die Leitung dieses Chores wollen Sie nach 17 Jahren nun abgeben?

EGLE Ich werde demnächst 60, und ist es Zeit abzubauen. Ich habe die einmalige Chance gesehen, dass ich mit Paul Burtscher den idealen Nachfolger gefunden habe, der das in meinem Sinne weiterführt. Für die Zukunft des Chores war dieser Schritt wichtig. Das Interesse ist ungebrochen, wir haben im Moment 120 Teilnehmer.

 

Im Chorverband Vorarlberg mit seinen knapp 3500 Sängern in 112 Chören brauchten Sie zuletzt auch gute Nerven, um Rückschläge wie die Coronakrise zu bewältigen.

EGLE Wir haben Mitte März den Chören nahegelegt, die Probenarbeit einzustellen. Ende Mai sind Möglichkeiten geschaffen worden, unter Auflagen zu proben. Doch das war mehr ein emotionales Element, dass man sich vor der Sommerpause noch einmal getroffen hat.

Was ist aktuell zu tun, um den Probenbetrieb wieder hochzufahren?

EGLE Also ich glaube, dass die Chorszene nicht weiterbestehen kann, wenn man mit Mundschutz oder einem Visier singen muss, denn dann hat einfach niemand mehr Lust, zu einer Chorprobe zu gehen. Wenn sich die Abstandsregeln von mindestens einem Meter in geschlossenen Räumen bis zum Herbst nicht ändern werden, was zu erwarten ist, wissen die Chöre nicht, wo sie proben sollen. Im Freien ist eine schlechte Alternative, die meisten Kirchen sind überakustisch. Das heißt, viele Gemeinden sind nun gefordert, den Vereinen – das gilt auch für die Blasmusik – geeignete Räume für ihre Proben zur Verfügung zu stellen. Bei Konzerten kommt der Abstand im Publikum dazu, was auch geringere Einnahmen bedeutet. 

 

Mit welchen Erwartungen sehen Sie dem Herbst entgegen?

EGLE Es kann durchaus sein, dass manche Chorsänger abspringen werden oder dass Obmänner die Konzertplanung als sinnlos erachten, weil ohnedies alles wieder abgesagt wird. Im Chorverband mit Obmann Axel Girardelli hoffen wir alle, dass die Chöre den langen Atem haben und positiv in den Herbst blicken. Sie sollten trotz Planungsunsicherheit ihre Projekte vorbereiten und kurzfristig entscheiden. Für das Wie müssen sich die Chöre unbedingt einen Plan B überlegen.  

Zur Person

OSKAR EGLE

GEBOREN 12. August 1960 in Koblach

AUSBILDUNG Erster Klavierunterricht mit acht Jahren, Ausbildung zum Hauptschullehrer in Musikerziehung, Orgel und Klavier; Chorleiterkurse u. a. bei Erwin Ortner und Johannes Prinz

TÄTIGKEIT Lehrer an der Musikmittelschule Dornbirn; seit 1992 Vorsitzender des Musikausschusses im Chorverband Vorarlberg; Intensive Chorleitertätigkeit seit dem 20. Lebensjahr, Referent bei Singseminaren und Chorleiterkursen in ganz Österreich

EHRUNGEN 1993 Erwin-Ortner-Preis zur Förderung der Chormusik

FAMILIE verheiratet, zwei Kinder

27./28. Dezember, Götzis, Kulturbühne AmBach: Landesjugendchor „Voices“ (Abschiedskonzerte Oskar Egle)