Kulturschaffende aus Verantwortung

Kultur / 22.07.2020 • 05:42 Uhr
Kulturschaffende aus Verantwortung
Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig haben schon vor Jahrzehnten bei Bühnen- und Hörspielprojekten zusammengearbeitet und das Theater Kosmos im Jahr 1996 gegründet. VN/STEURER, ARCHIV

Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig werden mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis ausgezeichnet.

Bregenz „Immer noch Sturm“, sagen sie auf auf die Frage, wie es mit dem Theater Kosmos weitergeht. Der Titel eines Handke-Stückes wird dabei nicht wegen des Inhaltes zitiert, er steht für den Elan, der im Unternehmen von Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig herrscht. Vor laut Vorschrift bereits reduzierter Publikumszahl hat man im März dieses Jahres noch die Uraufführung des Autorenduos Studlar/Sauter angeboten, gleich nach der Aufhebung des Veranstaltungsverbotes wurde dann ein neuer Text der jungen Vorarlberger Felix Kalaivanan und Amos Postner umgesetzt. Auf dem Herbstprogramm steht neben einem anderen Handke-Text wieder ein neues Stück. Es ist aus einem Kosmos-Wettbewerb hervorgegangen. Die Coronapandemie bedingt zwar eine zeitliche Verzögerung, ansonsten bleiben Jagg und Dragaschnig bei dem, wofür sie ihr Theater im Jahr 1996 gegründet haben, nämlich sich neuer Literatur zu widmen. Autorinnen und Autoren wurden gefördert, die Entwicklung des Kulturlebens wurde vorangetrieben, der zeitgenössischen Dramatik in Österreich Impulse verliehen und das Publikum erfuhr und erfährt Sinnstiftung durch die Auseinandersetzung mit Kunst.

Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig werden heuer mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis ausgezeichnet. Die Jury, die mit der Herausgeberfamilie der Vorarlberger Nachrichten, VN-Redakteuren und bisherigen Preisträgern besetzt ist, würdigt damit den herausragenden Einsatz der beiden Kulturschaffenden.

Herbst 1986: Gründung
Herbst 1986: Gründung

Auf die Menschen zugehen

Das erste Treffen hat früh in der Karriere stattgefunden. Jagg wurde gleich nach dem Studium und ersten Inszenierungserfolgen zum leitenden Hörspielregisseur beim ORF ernannt, Dragaschnig überraschte in den frühen 1980er-Jahren als Quereinsteiger, gründete kurzerhand eine Wanderbühne und engagierte sich für eine Interessensvertretung der damals aufstrebenden Schriftstellergeneration. Abgesehen vom großen Erfolg mit „Scheffknecht & Breuss“ lässt der Rückblick auf eine der ersten gemeinsamen Theaterproduktionen schmunzeln, steht doch fest, dass Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink einst mit Hubert Dragaschnig in Büchners „Leonce und Lena“ auf der Bühne stand. Jagg inszenierte. Es folgten gemeinsame Arbeiten im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Zwei neue Stücke von Michael Köhlmeier waren damals schon dabei. Vor wenigen Monaten wurde das Stück „Lamm Gottes“ des bekannten Schriftstellers uraufgeführt, als Koproduktion mit dem Schauspielhaus Salzburg. Nach der Gründung und Etablierung des Theaters Kosmos initiierten Jagg und Dragaschnig als kulturpolitischen Akt nämlich die Theaterallianz, eine Verbindung österreichischer Mittelbühnen. Das bietet die Möglichkeit, sich gemeinsam stark zu machen, für die Literatur und das Publikum. „Das Theater hat es prinzipiell nicht leicht, weil es auch die Energie vom Zuschauer braucht“, sagt Hubert Dragaschnig: „Wir übernehmen Verantwortung, aber auch das Publikum übernimmt sie wiederum für die nächste Generation.“ Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger“, meinen beide. Jagg: „Letztendlich haben wir uns immer die Frage zu stellen, wie wir uns die Gesellschaft vorstellen, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir uns Bildung vorstellen.“ Auf die Menschen zugehen, lautet die kurze Antwort auf die Frage nach ihrer Art der Kulturvermittlung.

Viel lesen, viele Gespräche

März 1997: "Dirty Dishes"
März 1997: "Dirty Dishes"

Neugierde sei gleich da gewesen, Vertrauen aufzubauen, hatte man sich vorgenommen. Somit blieb das Publikum offen für das Unbekannte. Mit dem Theater für Vorarlberg, an dem Jagg zuvor auch immer wieder inszeniert hatte, sowie dem späteren Landestheater stand man im professionell-freundschaftlichen Verhältnis. Wie aber verteidigt man eine kleinere Bühne gegen die Mechanismen im Theaterbetrieb, die bedeuten, dass Uraufführungsrechte für neue Texte namhafter Autoren nicht so leicht zu bekommen sind? Das großzügige Ausmaß des ersten Podiums auf der Hinterbühne des Bregenzer Festspielhauses sowie die jetzige Infrastruktur im shed-8-Areal habe viel zugelassen, erklärt Jagg. „Viel lesen, viele Gespräche und manchmal war auch Glück dabei“, sagt Dragaschnig. Bald klopften Verlagsmitarbeiter selbst an, das Theater Kosmos wurde im deutschsprachigen Raum zum Begriff. 24 Jahre und pro Saison oft vier Stücke allein auf der Hauptbühne, die Addition ergibt eine lange Liste an Ur- und Erstaufführungen. Darunter sind Stücke vieler Vorarlberger Autoren und dazu kommt noch das Kosmodrom für die ganz Jungen: „Wichtig ist uns, ein Theaterstück als Gravitationszentrum zu sehen und rundherum einen Diskurs zu initiieren.“

Zur Person

Hubert Dragaschnig

Beruf Theaterleiter, Regisseur, Schauspieler

Geboren 1959 in Bludenz

Laufbahn Bühnenstart 1981 mit der Gründung der Vorarlberger Volks- und Wanderbühne, Engagements in Liechtenstein, Hamburg, Wien, St. Gallen, Hörspiele beim ORF, Bregenzer Festspiele (Produktionsleiter), Gründung des Theaters Kosmos

Augustin Jagg

Beruf Theaterleiter, Hörspielmacher, Regisseur

Geboren 1960 in Bregenz

Laufbahn Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz, Erster Hörspielregisseur beim ORF, Regiearbeiten in Österreich (u. a. bei den Bregenzer Festspielen), Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz, Gründung des Theaters Kosmos

Mai 2004: "Bandscheibenvorfall"
Mai 2004: "Bandscheibenvorfall"
November 2019: "Lamm Gottes"
November 2019: "Lamm Gottes"