“Ich bin quasi mit dem Wald aufgewachsen“

Kultur / 22.07.2020 • 13:00 Uhr
"Ich bin quasi mit dem Wald aufgewachsen“
Evelyn Herlitzius (Die Amme) und Camilla Nylund (Die Kaiserin) in “Frau ohne Schatten”. OPER, APA/PÖHN

Naturverbunden mit großer Stimme: Sopranistin Camilla Nylund singt beim Lech Classic Festival.

Wien, Lech Sie stand gerade noch als Arabella in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss in Zürich auf der Bühne als klar wurde, dass in diesem Frühjahr und Sommer alles anders läuft als geplant. Bei den Bayreuther Festspielen hätte Camilla Nylund zwei große Rollen singen sollen, doch die Leitung des renommierten Festivals hielt schon früh fest, dass wegen der Covid19-Pandemie heuer die Türen geschlossen bleiben. „Das hat mich hart getroffen, wir Sänger empfinden uns in Bayreuth wie in einer Familie. Plötzlich wird einem klar, dass es das heuer alles nicht geben wird und man von einem Tag auf den anderen quasi arbeitslos ist.“ In Österreich wurden ab Ende März alle Veranstaltungen verboten. Ende Juni konnten erstmals wieder Konzerte und Liederabende stattfinden, am besten allerdings in großen Häusern vor handverlesenem Publikum. Nylund gab einen Liederabend in der Wiener Staatsoper. „Ein komisches Gefühl“, sagt sie, „aber die Freude war riesengroß. Wir Künstler kennen das sonst nur von den Generalproben, wenn wir unser Bestes geben, während nur ein paar Leute in den Publikumsreihen sitzen.“

“Ein Traum”

Nach einer Reihe von „Hiobsbotschaften“ mit lauter coronabedingten Absagen hatten Marlies und Franz Wagner beschlossen, das Lech Classic Festival vom 5. bis 9. August nun doch als Spezial-Edition zu realisieren und bei der Sopranistin noch einmal angefragt. Sie wird ihr Debüt als Floria Tosca geben, „mit einem tollen Cavaradossi“, denn Piotr Beczala kommt auch nach Lech. „Ein Traum“, sagt sie, eine szenische Aufführung der Puccini-Oper steht für sie im nächsten Jahr auf dem Programm. Bis dahin singt sie viele Wagner- und einige Strauss-Rollen.

Zur Musik von Richard Strauss hat die gebürtige Finnin, die eine schwedische Schule besuchte und mittlerweile eine Reihe von Sprachen fließend beherrscht, schon früh eine besondere Affinität entwickelt. Die erste Strauss-Aufnahme, die sie gehört und „irrsinnig beeindruckt“ hatte, war die Salome,  gesungen von Birgit Nilsson. Sie hatte das Glück, einen Meisterkurs der berühmten Sopranistin besuchen zu können. Danach studierte sie in Salzburg, nahm erfolgreich an Wettbewerben teil und bekam Strauss-Rollen angeboten, darunter die Ariadne und schließlich die Feldmarschallin im „Rosenkavalier“.  „Ich hatte gleich das Gefühl, dass mir Strauss liegt, ich liebe das, diese Bögen. Erst später ist mir dann aufgefallen, dass wir am selben Tag Geburtstag haben.“

Neues entdecken

Camilla Nylund hat die Feldmarschallin im Übrigen auch in der Inszenierung von André Heller in Berlin gesungen. „Er hat uns zugeschaut und zugehört und viele Feinheiten herausgezaubert.“ Schwierig wird es für sie nur dann, wenn Regisseurinnen oder Regisseure etwas verlangen, das nichts mit der Musik zu tun hat. „Dann ist es eine Qual, aber gut, es ist mein Job, ich muss mich zurechtfinden.“ Wenn sie nachvollziehbar sind, ist sie jedoch offen für jegliche Regieeinfälle: „Es zählt auch zu meinen Aufgaben, in den Stücken immer wieder Neues zu entdecken.“

Nach dem Auftritt von Camilla Nylund in Lech beginnen bald die Proben für die Herbstsaison an der Wiener Staatsoper. Wieder sind es Strauss-Partien. Weitere Stationen sind unter anderem München und Berlin. Kraft schöpft sie in der Natur. „Ich bin in Finnland ja quasi mit dem Wald aufgewachsen.“

5. August, 17 Uhr, Konzert mit Camilla Nylund in Lech. Weitere Konzerte bis 9. August im Saal des Sportparks Lech: lech-classic-music-festival.com