KUB-Kurator Sagmeister: Darum ist es eine Schande, die eigene Kunst nicht zu zeigen

Kultur / 17.07.2020 • 19:00 Uhr
Digitaler VN-Stammtisch mit Rudolf Sagmeister.
Digitaler VN-Stammtisch mit Rudolf Sagmeister.

Die Kunst sei da, man müsse sie nur sehen können und wollen.

Bregenz Die Stadt Bregenz hat diesen Sommer ihre Depots geöffnet und damit Kunst aus der Region zugänglich gemacht. Dies zeigt aber auf schmerzliche Weise auch, dass dieser Raum sonst fehlt. KUB-Kurator Rudolf Sagmeister beschäftigt sich bereits länger mit dem Thema und spricht mit VN-Kulturredakteurin Christa Dietrich.

Warum wäre eine Kontinuität der Zugänglichkeit wichtig?

Man war sich immer sicher, dass es eine Vorarlberger Landesgalerie geben sollte. Im obersten Stock des Landesmuseums wurde das gut abgedeckt. Mit dem Neubau des Vorarlberg Museums änderte sich aber dessen Ausrichtung, nun ist es kein Kunstmuseum mehr. Ich habe öfters ausländische Künstler zu Besuch. Diese fragen immer, wo sie Vorarlberger Kunst sehen können, und ich kann sie nirgends hinschicken. Es gibt glücklicherweise noch Kunst im Rohnerhaus, da konnten wir immer wieder wichtige Vorarlberger Künstler zeigen.

Das Kunsthaus hat eine andere Ausrichtung, das wird als richtig angesehen. Warum?

Konzipiert wurde das KUB als Vorarlberger Landesgalerie für zeitgenössische Kunst, nur so war es politisch umsetzbar. Die ersten beiden großen Ausstellungen waren mit Rudolf Wacker und Zeitgenossen gemacht, auch damit man sieht, dass Wacker auf Augenhöhe mit diesen Künstlern gearbeitet hat. 1994 zeigten wir mit Edmund Kalb, wie wichtig die kunsthistorische Aufarbeitung von sonst in Vergessenheit geratenen Künstlern ist. Uns war aber klar, dass wir internationale Kunst ins Land holen müssen, damit zeitgenössische Künstler einen Maßstab haben. Die Vorarlberger Künstlerschaft und das Publikum sind zweimal betrogen worden: Das erste Mal mit dem Kunsthaus, das zweite Mal mit dem Vorarlberg Museum. Wenn man will, dass Künstler einen gewissen Stellenwert haben, müssen sie sichtbar sein. Es hängt kein Wacker in Vorarlberg, in Wiener Museen aber neun.

Damals gab es die Frage, ob es eine Landesgalerie braucht. Eine reine Provokation?

Die Diskussion um die Landesgalerie ist damals entgleist. Es ist ja keiner der Meinung, dass wir keine guten Künstler haben. Die Leute sind immer überrascht, welche künstlerische Dichte wir haben, sie ist aber unsichtbar geblieben. Es ist komisch, dass wir auf unsere Wirtschaft stolz sind, aber auf unsere Kultur nicht. Die Künstler sind rausgegangen und beweisen sich in New York, München und Paris, hier seht man sie viel zu wenig. Sie würden es verdienen.


Welche Möglichkeiten gibt es derzeit für eine Landesgalerie?
Wir haben sehr viel gute Kunst in Vorarlberg und ein riesiges Depot in Hard. Dieses könnte man natürlich öffnen. Wünschenswert wäre, wenn die Kunsthäuser an einem Ort konzentriert wären.

Was wäre da Ihre Vorstellung, wie das aussehen könnte?

Ich mache daraus kein Geheimnis, die Post wäre hier ein ideales Gebäude für mich. Dann hätten wir die Kunstmeile beieinander. Für mich ist es schmerzhaft, dass die Künstler, mit denen wir aufgewachsen sind, verschwunden sind. Die sind nicht nur gestorben, sondern auch aus der Öffentlichkeit verschwunden. Wenn man diese jungen Leuten zeigt, die sind verwundert, dass es das alles hier gegeben hat. Und solche Dinge nicht zu zeigen, ist fast ein Verbrechen, weil man kennt sie nicht mehr. Die junge Generation hat keine Möglichkeit, sie jetzt zu sehen. Und wenn man einen solchen Ort schafft, dann sollten dort die wichtigsten Werke immer gezeigt werden. Damit das Haus attraktiv bleibt, braucht es natürlich auch Wechselausstellungen, das macht auch der Louvre. Aber wenn ich ins Museum gehe, erwarte ich, dass ich gewisse Werke sehen kann. Man sieht sich daran ja nicht satt.

Was müsste konkret in Vorarlberg geschehen?

Wir leben in einer Demokratie, wer etwas will, muss es einfordern. Was mich enttäuscht, dass die Künstler selbst nicht mehr dafür eintreten, einen Ort für ihre Kunst zu fordern. Und das Publikum, das das will, muss es auch laut und beharrlich sagen. Ich habe schon an zwei Konzepten für Industriemuseen mitgearbeitet. Geschehen wird das, wofür sich die Bevölkerung einsetzt.