Ein literarisches Kunstwerk auf 159 Seiten

Monika Helfer konnte nun wieder aus ihrem überaus erfolgreichen Roman „Die Bagage“ lesen.
Friedrichshafen Wegen Corona mussten seit Monika Helfers Lesung im März bei Russmedia in Schwarzach so gut wie alle folgenden Termine ausfallen. Jetzt hat sie erstmals wieder in Friedrichshafen gelesen. Hundert Zuhörer fasst der Raum im Kiesel, doch wegen der geltenden Abstandsregeln musste das Kulturbüro trotz weiterer Interessenten bei 35 Personen „ausverkauft“ melden. Die Absurdität der gegenwärtigen Situation war zum Greifen spürbar und stand in hartem Kontrast zu dem, was die Vorarlberger Schriftstellerin las.
Eine Dorfgeschichte wird ihr neuer Roman „Die Bagage“ genannt. Monika Helfer liest distanziert. Ihr gelingt es, auf kleinstem Raum die Personen zu skizzieren, mehr noch, ihnen Leben einzuhauchen, dass man glaubt, sie vor sich zu sehen, mittendrin zu sitzen.
Franz Hoben, der stellvertretende Leiter des Kulturbüros, erzählte in seiner Einführung, dass in der kurzen Zeit seit Erscheinen im Frühjahr bereits über 100.000 Exemplare verkauft wurden. „Ich verstehe es nicht, ich habe doch immer schon so geschrieben“, sagte sie, „da muss man erst alt werden, um so einen Erfolg zu erleben“. Nicht 98-jährig wie ihre Tante Kathe, die nie von ihrer jung verstorbenen Schwester Grete, Monika Helfers Mutter, erzählen wollte, bis sie endlich an einem Tag nur so herausgesprudelt habe. Monika Helfer erzählt ihre Familiengeschichte, die Geschichte ihrer Großeltern Maria und Josef, ihrer Kinder und der im Krieg geborenen Grete.
Sich die Freiheit genommen
„Ich bin stolz auf meine Bagage“, sagt sie, „ich habe oft an diese Geschichte gedacht, wusste aber, dass ich sie nicht schreiben kann, so lange manche noch leben.“ Auch so habe es noch Anfeindungen gegeben von Menschen, die Fiktion für wahr gehalten haben. Dazu die Autorin: „Jeder hat seine eigene Wahrheit, jeder erzählt etwas anderes.“ Vieles habe sie rekonstruieren können, vieles dazufabuliert, sich die Freiheit genommen, etwas zu erfinden. Es geht um ein äußerst karges Leben und starke Persönlichkeiten. Auffällig, dass auch hier Kinder breiten Raum einnehmen, wie in den meisten früheren Werken. Diese Familie gäbe Stoff für ein Epos, doch das ist nicht Monika Helfers Sache. Sie hat auf 159 Seiten ein literarisches Kunstwerk geschaffen. hv